Sell Handmade Crafts

Manchmal erwischt mich das  Näh- oder Bastelfieber und ich stelle mehr her als ich benötige. Einfach weil der der Stoff oder das Papier so schön ist. Oder weil ich etwas ausprobieren möchte. Oder weil mir eine neue Idee eingefallen ist.

Bis vor einiger Zeit hat ein kleines Lädchen meine überzähligen Handarbeiten in Kommission genommen, aber es wurde leider aus familiären Gründen geschlossen.

Deswegen biete ich hier ab jetzt hin und wieder Handgemachtes an.

Wer sich für ein Produkt interessiert, schreibt mich einfach an:

kathriene@ewe.net

 

Rechteckschachtel/ Stulpschachtel

Größe ca. 17,5 cm x 13 cm  x 4,5 cm

Handgemachte Stulpschachtel aus Graupappe, bezogen mit Blumenpapier

Preis: 10 Euro plus Porto (3,90 Euro)

Veronika näht: Espadrilles

Mir war mal wieder nach nähen, aber dann kam die Auflage mal etwas „Sinnvolles“ zu machen.
Hallo?
Was ist z.B. an einem Teddy nicht sinnvoll?
Na gut, also mache ich mal in Bekleidung und versuche Espadrilles zu nähen.
Wenn man sich die Sohlen in der passenden Größe von Prym kauft, ist man schon ein ganzes Stück weiter, denn da ist ein Schnittmuster für klassische Espadrilles gleich dabei. Also nur noch schönen Stoff aussuchen und los gehts!
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Bild 1
Wenn man etwas festeren Stoff wählt, könnte man rein theoretisch auf die Innenteile verzichten, aber es sieht natürlich nicht so hübsch aus, wenn man auf die Rückseite der Stoffe schaut. Also habe ich mit „Futter“ gearbeitet.
Und ebenso ist es mit der Innensohle, die braucht man nicht unbedingt. Wenn man in Spanien Espadrilles kauft, sind sie oft ohne Innensohle.
Man läuft ebenso bequem, denn die Sohlen sind recht angenehm, aber es sieht eben auch nicht so nett aus.
Zuerst werden nun also alle Außen- und Innenseiten zuzsammen genäht.
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Bild 2
Es empfiehlt sich, das dann noch einmal gut zu bügeln.
Danach näht man Ferse und Spitze aneinander.
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Bild 3
Nun gibt es 2 Möglichkeiten.
Oft wird empfohlen die Innensohle zuerst aufzunähen und dann erst das Schuh-Oberteil. Ebenso funktioniert es aber, wenn man Innensohle und Oberteil zusammen auf die Sohle steckt und dann mit Langettenstichen festnäht. Das finde ich persönlich praktischer.
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Bild 4
Da man diese Langetten-Stiche nachher noch sieht, empfiehlt es sich, dazu ein optisch ansprechendes Garn zu wählen.
(Bild fehlt noch, hatte kein passendes Garn ….)

Upcycling: Weckglas

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Vor einiger Zeit sah ich auf einem Flohmarkt wunderschöne Weckgläser mit einem Porzellanknauf. Sie sollten etwa pro Stück 10 Euro kosten und das war mir – da ich gern viele verschiedene Gläser gehabt hätte –  definitiv zu teuer.

 

Mein Mann war so nett sich ans Glasbohren zu versuchen und Tine hat mir zu einem „Sonderpreis“ wunderschöne Porzellanknäufe besorgt.

Beim Nachmachen sollte man äußerst vorsichtig vorgehen und eine Schutzbrille und -maske tragen.

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Einen Glasdeckel auf eine feste, gerade und rutschsichere Unterlage legen ( hier ist es ein Holzbrett) und die Mitte  mit einem Klebepad (z.B. Malerkrepp) kennzeichnen.  Bringt man das Klebepad auf die Außen- und Innenseite des Glases, verhindert es gleichzeitig ein mögliches Splittern. Gebohrt wird mit einem speziellen Glasbohrer.

Als Kühlmittel gibt man etwas Speiseöl auf den Glasdeckel.

 

Gebohrt wird mit einer geringen Drehzahl (Schlagfunktion des Bohrers ausschalten) und ohne Druck, man(n) muss sich in Geduld üben und sehr, sehr vorsichtig bohren. Nähert man sich der Austrittstelle wird die Geschwindigkeit  weiter gedrosselt.

 

 

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Den Glasdeckel vorsichtig von den Ölresten befreien und den Knauf probehalber aufschrauben.

Da das Gewinde des Knaufes für einen Glasdeckel zu lang ist, sägt man es mit einer kleinen Eisensäge plan ab.

 

Die ersten Gläser stehen im Badezimmer, gefüllt mit Muscheln. Ein großes Glas wird zur „Keksdose“ umfunktioniert. Und drei weitere werden als Dankeschön zu Tine reisen.

Veronika backt: Waffeln mit Stevia

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Der nächste Test für zuckerfreie Leckereien war fällig, heute gab es Waffeln.
Da ich inzwischen weiß, dass es verschieden große Waffeleisen gibt, gebe ich hier mal das Maß an, denn wir haben wohl ein großes Waffeleisen. Eine Waffel hat einen Durchmesser von 21 cm.

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Für 10 – 11 Waffeln:

500 g Mehl
250 g weiche Butter
6 Eier
1/2 l Milch
1 Päckchen Backpulver
Rumaroma oder Vanillearoma, je nach Geschmack
3 Portionslöffelchen Steviosidextrakt (entsprechen 3 gehäuften Esslöffeln Zucker)

Butter schaumig rühren, nach und nach die Eier, Aroma und das Steviapulver einrühren. Dann abwechselnd das mit Backpulver gemischte Mehl und die Milch zugeben und den Teig glatt und recht leicht fließend rühren, damit er sich im Eisen schön ausbreiten kann.

 
Wir backen jede Waffel einzeln frisch am Tisch und belegen sie da nach Wunsch mit Puderzucker (gibt es auch als Steviapulver), heißen Kirschen, Sahne oder Marmeladen. Man kann aber auch alle vorbacken, sie halten abgekühlt unter einer Tortenhaube auch noch gut 2 Tage.

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Auch schon erfolgreich getestet wurde die Zugabe von Lebensmittelfarbe, so dass man für Kinder auf Wunsch blaue Schlumpf-Waffeln, pinkfarbene Barbie-Waffeln oder giftgrüne Hexen-Waffeln zaubern kann.

Susanne: „Lenis Stern“

Auf Wunsch einiger Näherinnen -die diesen Patchworkstern so schön finden- hat sich Susanne (alias „NebilseineOma“) an eine Anleitung in Bildern versucht.

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Für diejenigen, die es auf den Fotos nicht so gut erkennen können, schreibe ich den Text  noch einmal über die einzelnen Fotos. Es ist sinnvoll, sich die Anleitung vorab einmal komplett durchzulesen.

Schablone 1/ „Raute“anfertigen:

2 Parallelen im Abstand von 6 cm zeichnen.

Foto Nr. 1

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Ein Patchworklineal im 60-Grad-Winkel anlegen. Linie anzeichen.

Foto Nr. 2

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Insgesamt 4 Linien im Abstand von 7 cm einzeichnen.

Foto Nr. 3

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Schablone 2/ „Dreieck“ anfertigen:

2 Parallelen im Abstand von 6,75 cm zeichnen

Foto Nr. 4

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Ein Patchworklineal im 60-Grad-Winkel anlegen. Linie anzeichnen.

Foto Nr. 5

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Lineal drehen und auf der gegenüberliegenden Seite ebenfalls im 60-Grad-Winkel eine Linie anzeichnen.

Foto Nr. 6

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Auf diese Weise insgesamt 6 Dreiecke zeichnen.

Foto Nr. 7

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Beide Schablonen sorgfältig ausschneiden und auf Pappe kleben.

Foto Nr. 8

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Für einen Stern benötigt man

1 Stoffstreifen in der Größe 50 cm x 6 cm ( Rauten)

1 Stoffstreifen in der Größe 60 cm x 6,75 cm (Dreiecke)

Foto Nr. 9

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Mit einem Trickmarker   oder einem Bleistift zeichnet man sich mit Hilfe der Schablonen die Linien auf dem Stoff ein.

Foto Nr. 10

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Die Schablonen etwas nach unten bzw. nach oben verschieben und die Eckpunkte anzeichnen.

Für mehrere Sterne kann man die zugeschnittenen Stoffstreifen übereinander legen und so gleichzeitig mehrere Rauten und Dreiecke schneiden. Es sollten jedoch nicht zu viele Lagen übereinander gelegt werden, weil sie sich sonst verschieben und die Rauten und Dreiecke ungenau werden.

Foto Nr. 11

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Hier sieht man die eingezeichneten Linien.

Foto Nr. 12

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Mit Hilfe eines Rollschneiders und eines Patchworklineals die Rauten und Dreiecke zuschneiden.

Foto Nr. 13

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Für die Dreiecke kennzeichnet man die Linien auf der Rückseite des Stoffes.

Foto Nr. 14

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So sollte es jetzt aussehen.

12 Dreiecke

6 Rauten

Foto Nr. 15

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Die einzelnen Teile zusammenstecken und zwar jeweils ein Dreieck an eine Raute.

Foto Nr. 16

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Die Nahtzugabe steht dabei über.

Foto Nr. 17

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Die Naht in „Nähfüßchenbreite“ nähen.

Foto Nr. 18

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Es sind jetzt 6 Rauten mit jeweils einem angenähtem Dreieck.

Foto Nr. 19

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Die Nahtzugaben  in die Rauten bügeln.

Foto Nr. 20

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Nun näht man an jede Raute das zweite Dreieck an.

Foto Nr. 21

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Die Nahtzugabe muss auch hier wieder überstehen.

Foto Nr. 22

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Die Nahtzugaben in eine Richtung bügeln.

Foto Nr. 23

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2 x 2 Teile miteinander verbinden. Darauf achten, dass alle Nähte (von Rauten und Dreiecke) perfekt aufeinander treffen, damit es später schön akkurat aussieht (siehe dazu Foto Nr. 26)

Foto Nr. 24

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Die Nahtzugaben wieder in eine Richtung bügeln.

Foto Nr. 25

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Hier sind nun die beiden akkurat zusammengenähten Teile zu sehen, die Nähte treffen exakt aufeinander.

Foto Nr. 26

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Das nächste Teil ebenso akkurat annähen (siehe dazu auch Foto Nr. 29)

Foto Nr. 27

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Auch hier wieder die Nahtzugaben in eine Richtung bügeln.

Foto Nr. 28

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Die beiden halben Sterne von vorn.

Foto Nr. 29

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Mit Hilfe von Patchworklineal und Rollschneider  beide (halben) Sterne begradigen und anschließend zusammennähen.

Foto Nr. 30

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Fortsetzung folgt…

 

Beispiel:

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Veronika näht: Bananentasche

In meinem gesegneten Alter schwelgt man ja gern mal in schönen Erinnerungen, und eine davon ist die Bananentasche.

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Für alle (viel) jüngeren: Nein, man transportierte keine Bananen damit, sie sah nur so bananig aus. Meine damalige war – der Zeit angemessen –  aus goldfarbenem Knautschlack mit schwarzen Zierpaspeln. Und sie war aus einem sehr dünnen Material, so dass es eigentlich ein recht unkomfortabler haltloser Sack war.
Und ich hätte wieder gern eine, nur schöner und besser.
Ich habe lange nach Schnittmustern gesucht, aber nicht das Passende gefunden, also habe ich mir selbst eins ausgedacht, immer in der Erinnerung an das goldene Stück aus den 80ern.
Die Form habe ich mithilfe von Platzteller und Tortenplatte hinbekommen. Diesen Schnitt habe ich aus Kunstleder und aus einem Baumwollstoff fürs Futter ausgeschnitten.

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Da die alte Tasche so instabil war, habe ich mir überlegt, wie sie etwas mehr die Form halten könnte. Früher war die Tiefe der Tasche ein Streifen aus dem gleichen Material, jetzt habe ich dafür Gurtband in einer Kontrastfarbe genommen.

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Daran habe ich nun die ausgeschnittenen Taschenteile angenäht, einmal Kunstleder, einmal Futterstoff, so dass nachher also 2 Taschen-Rohlinge vor mir lagen, die ich dann nur noch ineinander stecken musste.

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Und ich kann sagen, es hat geklappt, durch das festere Gurtband hält auch die leere Tasche gut ihre Form.
Die Gurtbandenden der äußeren Tasche habe ich umgeschlagen und mit D-Ringen versehen um später daran den Trageriemen zu befestigen. Man könnte aber wohl auch das Gurtband gleich so lang wählen, dass es ohne Karabiner oder so als Trageriemen reicht. Ich habe mich dieses Mal für eine Kette entschieden, das ist natürlich Geschmacksache.

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Mit dem Einnähen des Reißverschlusses habe ich dann Futter- und Außenstoff zusammengefasst, innen habe ich die beiden Taschen nicht weiter miteinander verbunden, ich denke dank der Schwerkraft bleibt das Futter an seinem Platz. Ansonsten ist aber auch schnell noch mal durch die Gurtbänder gesteppt, das sollte kein Problem sein.
Da das Kunstleder silberfarben ist, der Reißverschluss dunkelblau (passend zu Futter und Gurtband), und ich mit der Hand nähe, habe ich für das Einnähen einen durchsichtigen Nylonfaden gewählt (danke an Kathriene für diesen guten Tipp), damit die Naht nicht so auffällt. Mit der Maschine könnte man natürlich auch eine kontrastfarbene Ziernaht wählen.

Can Dündars Theater Kolumne #6: „Geduld und Vertrauen“

Ich warte am Berliner Hauptbahnhof auf den Zug nach Dortmund.
Der Zug verspätet sich, als wolle er die Legende von der deutschen Pünktlichkeit in Schutt und Asche legen… Unsere Blicke sind auf die Anzeigetafeln gerichtet… Zuerst werden 45 Minuten Verspätung angezeigt; dann eine Stunde… dann zwei Stunden… Hunderte von Menschen drängen sich auf dem Gleis. Doch niemand scheint es eilig zu haben. Alle warten geduldig an Ort und Stelle.
Ich denke mir: „Wenn das in der Türkei passierte, wäre jetzt die Hölle los… Die Fahrgäste hätten sich neugierig oder um sich zu beschweren um die Verantwortlichen geschart, laute Diskussionen wären entbrannt…“
Da ich auch im Internet keine Informationen bekomme, gehe ich nach zweieinhalbstündigem Warten auf einen Verantwortlichen zu und erkundige mich nach dem Grund der Verspätung und dem Verbleib des Zuges. Er antwortet: „Es gab ein Problem, das behoben wird. Wenn Sie möchten, können Sie das Ticket zurückgeben und den Fahrpreis zurückerstattet bekommen.”
Es sind zwei weitere Personen da, die, wie ich, nachfragen: Der eine ist Grieche, der andere Italiener… Ich frage lächelnd den Griechen: „Ist Ihnen auch aufgefallen, dass außer uns Südländern niemand nachfragt?”
Verwundert stimmt er zu:
„Warum wohl?”
Mir fallen zwei Möglichkeiten ein:
Geduld und Vertrauen…

***

Geduld ist ein kultureller Code, der mich beschäftigt, seit ich in Deutschland angekommen bin… Die Deutschen sind geduldige Menschen… Sie warten in langen Warteschlangen in den Banken oder an Kassen, ohne sich zu beschweren. Während der Autofahrt fahren sie nicht Slalom, um das Auto vor ihnen zu überholen. Auch wenn der Verkehr stockt, fahren sie nicht über die Fahrradwege oder sind nicht so gewieft, einem Feuerwehrwagen, der die Straße freimacht, zu folgen. Sie geben den Fußgängern den Vorrang und wenn ein Taxifahrer sich mit seinem Fahrgast auf einer einspurigen Straße etwas länger beim Bezahlvorgang aufhält, fangen sie nicht an zu hupen, als wären sie ein Krankenwagen, der einen Notfallpatienten ins Krankenhaus fahren muss.
Wie lässt es sich erklären, dass je östlicher man sich von Europa wegbewegt, von Istanbul über Neu-Delhi bis hin zu Peking, das Gehupe immer lauter und unerträglicher wird?
Ist es lediglich die Ungeduld?
Warum können wir in der Schlange in der Bank nicht hinter der roten Linie warten und stoßen stattdessen unseren Ellbogen in die Rippen unseres Vordermannes?
Warum widerstrebt es uns derart, einem Fußgänger den Vorrang zu geben?
Warum bestehen wir darauf, Geschwindigkeitsbeschränkungen zu überschreiten?
Wozu diese Eile?
Können wir sagen, dass es der Osten besonders eilig hat?
Können wir diese Hektik damit erklären, dass „Entwicklungsländer” es so eilig haben, weil sie einiges aufzuholen haben?
Oder ist dies ein kulturelles Handlungsschema?
Es gibt ein sehr konkretes Beispiel, das dies widerlegt:
Die meisten türkischen Autofahrer, die sich in Deutschland penibel an die Regeln halten, erinnern sich, sobald sie in der Türkei sind, ganz plötzlich an das Gaspedal und genießen es, alle Geschwindigkeitsbeschränkungen zu überschreiten. Der gleiche Fahrer im gleichen Auto wird, sobald er die Landesgrenze überschritten hat, zum Rally-Piloten.
Das heißt also, es ist keine Frage der kulturellen Genetik, sondern eine Frage der Regeleinhaltung…
***

Deutschland ist ein Regel-Regime…
Die Türkei ist ein Land, in dem das „Recht des Stärkeren” gilt…
Während Sie im Stau versuchen, auf die  Bosporus-Brücke zu fahren, kann es vorkommen, dass ein Rüpel mit seinem Auto Sie von links bedrängt und sich vordrängelt. Ihm beizubringen, dass dies nicht rechtens ist, kann Sie teuer zu stehen kommen.
Dass es keine Regeln gibt, und dass die unausgesprochene Regel den Stärkeren begünstigt, führt zu Ungerechtigkeit und fördert die Gewalt. Wer sich an Regeln hält, geduldig und zu Opfern bereit ist, bleibt am Ende der Dumme. Er verspätet sich. Er bleibt alleine. Und nach einer Weile fragt er sich, ob er der einzige Dumme ist und reiht sich ein in die Riege der Regelverletzer.
Eine der meistgestellten Fragen in der Türkei ist die feststehende Formulierung „Weißt du, wer ich bin?”. Das bedeutet, dass Sie eine wichtige Person sind oder jemand Wichtigen kennen – und sie wirkt bei jeder Straftat, von Alkohol am Steuer bis hin zur Geschwindigkeitsüberschreitung. Der Polizist weiß, dass er von oben einen Anruf erhalten wird und seinen Job verlieren kann, sollte er ein Bußgeld verhängen. Also zieht er es vor, sich nicht in Schwierigkeiten zu bringen.
Eine der ersten Warnungen, die ich erhalten habe, als ich in Deutschland Auto gefahren bin, war: „Fahr bloß nicht alkoholisiert, du könntest dich nicht mal retten, wenn du Minister wärst.”
Und dies führt uns zum Thema Vertrauen, das hinter der Geduld steckt.
Denn was einen wahnsinnig macht, ist nicht die Wartezeit in der Warteschlange, sondern die Ungerechtigkeit… Wenn alle warten, wenn das Leid geteilt wird, ist es leichter, Geduld aufzubringen. Doch wenn sich jemand vordrängelt, während Sie warten, diese Bevorzugung schürt den Aufstand. Dann wird es schwieriger, Geduld aufzubringen. Wenn die Mechanismen, die die Gerechtigkeit herstellen, nicht existent sind oder nicht funktionieren, sieht jeder selbst zu, wo er bleibt. Und der Konflikt beginnt.

***

Ich muss gestehen, ich bin nicht unbedingt einer, der Regeln mag.
Ich fand Gesellschaften, die in Regeln gefangen sind langweilig.
Nachdem ich aber das Resultat gesehen habe, wie in der Türkei alle Regeln zunichtegemacht wurden und die Regellosigkeit zur Regel gemacht wurde, bin ich regelkonform geworden.
Ich glaube daran, dass Regeln, die auf gegenseitigem Respekt beruhen und die im Konsens aufgestellt wurden, nicht nur die Ordnung, sondern auch die Gerechtigkeit gewährleisten.
Wenn ich nochmal zum Anfang zurückkehre; die Deutschen, die am Bahnhof warten, warten geduldig im Vertrauen darauf, dass die Verspätung einen rationalen Grund haben wird, und dass die Verantwortlichen sich darum kümmern werden.
Wenn Sie dieses Vertrauen nicht haben, wenn Sie annehmen, dass die Verspätung aus einem absolut irrationalen Grund herrührt, wenn Sie denken, dass sich keiner darum kümmert, ist es unumgänglich, dass Sie ungeduldig werden und einen Verantwortlichen suchen, bei dem Sie sich beschweren können.
Wenn Sie daran glauben, dass die Stärksten Sie umrempeln und Sie zurückbleiben, wenn der Zug kommt, dann müssen Sie entweder stärker werden oder sich an einen Starken anlehnen.
Eine Ungerechtigkeit, die entstanden ist aus Regeln, die nur dem Stärkeren dienen, führen Gesellschaften entweder zum Aufstand oder dazu, dass man Zuflucht sucht bei der stärksten Autorität…
Die Türkei ist gegenwärtig irgendwo dazwischen…

 

Serkan Altuniğne ist einer der bekanntesten Karikaturisten und Drehbuchautoren in der Türkei und zeichnet seit 2002 Karikaturen für das wöchentlich erscheinende Istanbuler Satiremagazin „Penguen“.

Angela Merkel sitzt im pinkfarbenen Sesselchen und modernisiert Deutschland

von Mely Kiyak

 

So. Nun können wir auch hinter diese Sache einen Haken machen. „Ehe für Alle“ so gut wie durchgesetzt. Ist das nicht famos? Wie schnell es geht, dass eine Kanzlerin ihre Ansicht über ein Thema ändert, bloß weil alle anderen es zur Koalitionsvoraussetzung machen?

Die Republik unter Merkels Führung wird oft innerhalb von Sekunden modern. Es sind jene Momente, in denen die Kanzlerin sich in die Ecke gedrängt fühlt, weil außerhalb ihres Wirkungsbereiches etwas vor sich geht, über das sie die Kontrolle verliert. Das war beim Ausstieg aus der Kernkraft so und bei der Entscheidung die Flüchtlinge aus Ungarn abzufangen. Immer geschah zuvor etwas Unvorhergesehenes. Fukushima oder das rabiate Vorgehen der Ungarn gegenüber den Flüchtlingen oder der Parteibeschluss der Grünen, dass die „Ehe für Alle“ eine Bedingung für eine Zusammenarbeit darstelle, dem die SPD und die FDP folgten. Merkel wittert Umbruch, also macht sie den Weg frei. Ohne vorherige Absprache mit ihrer Partei.

Eben noch Reformstau und Beton in den Köpfen und auf einmal scheint es, alles sei möglich. Mein Gott, was kommt als nächstes? Wahlrecht für Migranten, die schon seit einer halben Ewigkeit hier leben?

Ich möchte es doch noch einmal für die Geschichtsbücher festhalten. Der Moment, in dem die Ehe für Homosexuelle von der Kanzlerin quasi im Alleingang entschieden wurde, vollzog sich in unserer kleinen Inklusionsstätte am Festungsgraben. Hier bei uns im Gorki saß die Kanzlerin auf einem pinkfarbenem Kunstledersesselchen, das Jackett trug den Farbton kräftige Koralle, und ließ sich von der Zeitschrift „Brigitte“ interviewen.

Ist amüsant, nicht wahr? Dass ein Frauenmagazin im Tante-Hedwig-Style, dessen Kernthema der perfekte Käsekuchen und die perfekte Hose mit dem perfekten Sitz ist, also eine Illustrierte, die unter dem Bann der totalen Vermeidung alles Politischen entsteht, zu einem Gespräch mit der Kanzlerin einlädt. Und zwar an einen Ort, an dem vieles gelesen und gewählt wird, die Brigitte und die CDU jedoch zu den seltenen Hauptinspirationsquellen am Haus zählen, zumindest nicht im affirmativen Sinn. Dass jedenfalls hier an diesem Ort, wo wirklich jeder mit jedem schläft, alle im falschen Körper stecken, falsches Deutsch sprechen und mit falschem Pass eingereist sind, dass in dieser Erstaufnahmeeinrichtung für Verquerte und Verliebte, die konsequent in jeder Inszenierung eine Federboa als Zeichen des Widerstandes im Windkanal der Ventilatoren aufpuscheln lassen, in der sich jeder ein „Macht kaputt was euch heteronormativ macht“ in den Nacken eintätowiert hat, in der Kantinenkollegen Kaffee servieren und dabei „bötteschön, ein Tässchen Dallmayr Pro-Homo“ näseln, dass hier bei uns der konservativen Kanzlerin und Vorsitzenden der Union ein zwar verzwirbeltes, also im original Merkelschen Duktus vorgetragenes Bekenntnis zur Homo-Ehe entlockt wurde? Doch, verehrtes Publikum, das ist amüsant!

Ich mache es kurz. Ich warne jeden nationalkonservativen Bürger in diesem Land: Betretet nicht das Gorki! Die drehen Euch um! Ich versuche mich, so gut es geht, in der Nähe des Deutschen Theaters oder des Berliner Ensembles aufzuhalten, damit ich schön die bleibe, die ich bin: ein einfaches, aber ordentliches Mädchen vom Land, das pünktlich um 21 Uhr zu Hause ist und genau eine Liebesstellung kennt. Nämlich freundliches Nicken.

Eine letzte Frage noch. Vielleicht die deutscheste aller Fragen. Darf man, wenn die „Ehe für Alle“ im Gesetz festgeschrieben ist, Witze über Homosexuelle machen? Darf man? Darf man? Gibt ja Leute in diesem Land, die wie ein Hund leiden, weil die Meinungsfreiheit unter der Herrschaft der political correctness erstickt wurde. Wir haben im Haus eine Sitzung („Schwule-Scherz-AG“) einberufen und beschlossen, dass wir im Tausch für jedes Bürgerecht, das eine unterprivilegierte Randgruppe erhält, einen Witz aus unserer Geiselhaft entlassen:

Zwei Tunten geraten unverschuldet in einen Autounfall.

Eine Tunte steigt aus, um mit dem Schuldigen zu verhandeln.

Schuldiger: „Ich zahl dir 1.000 € wenn du nicht die Bullen rufst!“

Tunte: „Waltraud, ruf die Polizei!“

Schuldiger: „5.000 €!“

Tunte: „Waltraud, ruf die Polizei!“

Schuldiger: „Mein letztes Wort: 10.000 €!“

Tunte: „Waltraud, ruf die Polizei!“

Schuldiger: „Wisst ihr was? Leckt mich doch am Arsch!“

Tunte: „Waltraud, er will verhandeln!“

In meiner letzten Kolumne habe ich verpasst, folgendes zu erwähnen. Ich war für mehrere Monate unpässlich und konnte nicht schreiben. In dieser Zeit sprang der andere große Theaterkolumnist dieses Landes für mich ein: Hartmut El Kurdi. Sie erinnern sich, er ist derjenige, der das Gleiche wie ich, allerdings für das Schauspiel Hannover macht. Mein Nachwuchs gewissermaßen. Ich fragte ihn, ob er in Vertretung für mich einen Text schreiben könne. Er konnte. Allerdings rang ich ihm zuvor das Versprechen ab, dass er nicht lustiger oder klüger sein dürfe, als ich es sonst bin. Er versprach mir hoch und heilig, sich anständig zu benehmen. Dann las ich seine Vertretungskolumne und drehte schier durch. Er knallte ein Pointenfeuerwerk sondergleichen ab. Nie zuvor schrieb er einen so tollen Text. Seinen eigenen Theaterkolumnenabonnenten mutet er Monat für Monat wesentlich unaufregendere Texte zu.

Ich blieb trotzdem ruhig und gab den Text zur Veröffentlichung frei. Weil ich mir sagte, dass ich mich schließlich vierzehntägig für diese Gemeinde hier abrackere und dass meine Abonnenten sich doch wohl nicht von der Nummer Zwei in dieser Branche blenden lassen würden. Außerdem ist das hier Berlin. Hier wird jeder Neuankömmling mit einem freundlich gemeinten „Zisch ab!“ empfangen. Kaum war sein Text unter der Überschrift „Mely Kiyak fühlt sich nicht“ erschienen, (kann man den hier verlinken?) trudelten die ersten Reaktionen ein.

Was für ein fantastischer Kerl!
Was für ein lustiger Erzähler!
Was für ein charmanter Schreiber!

Nach diesen verheerenden Reaktionen stellten wir die Aktion natürlich sofort ein.

Ich melde mich in zwei Wochen wieder. Vielleicht mit ersten Fotos von unserem Sommerfest. Was wir machen? Was macht wohl eine Horde Ausländer, wenn sie nicht arbeiten muss und einen Garten vor der Tür hat? Ganz genau!! Kanzlerin Merkel wohnt ja gegenüber von unserem Garten. Sie sollte an diesem Tag Fenster und Türen geschlossen halten. Als beim letzten Gelage die Grillkohle ausging, fingen sie an, die Kulissen aus der ersten Spielzeit unter die Hammelspieße zu schieben. Die kennen hier kein Halten, wenn es ums Feiern geht.

Bis bald,
Ihre Mely Kiyak

PS: Gerade lese ich in der FAZ einen Kommentar von Reinhard Müller zur „Ehe für Alle“. Er ist pikiert. Denn die Keimzelle der Gesellschaft sei nicht das Reagenzglas und „am Anfang standen Mann und Frau“. Jemand muss der FAZ mitteilen, dass selbst die seriöse Bibelwissenschaft die Heilige Schrift als Literatur einstuft. Und dass die Reagenzglaskultur zur Kinderzeugung im Wesentlichen von heterosexuellen Ehepaaren genutzt wird. Wahnsinn, wie unterhaltsam das doch noch wird.

Veronika und Lothar fliegen aus: Verdun

Das Wetter war ja brauchbar, also waren wir endlich mal wieder unterwegs.
Da es die Champagne werden sollte, war ein kleines Hotel auf dem Land gebucht, ganz romantisch, und flugs ein Köfferchen gepackt.
Nun ist Frankreich ja nicht mit so einem dichten Autobahnnetz gesegnet wie Deutschland, also haben wir dem Navi die Wahl der günstigsten Strecke überlassen, es ging von Köln aus nach Westen, dann durch Belgien, Luxembourg kurz links liegen gelassen und schwupps ist man in Frankreich.
Und das war dann (außer den Übernachtungen im wirklich schnuckeligen Hotel) alles, was von der geplanten Reise übrig blieb.
Denn der erste größere Ort, der dann auf den Schildern auftaucht, ist Verdun. Und der geschichtsbegeisterte Ehemann schaltete verdammt schnell: „Da gibt es aber viel zu sehen!“
Na gut, ich bin kein Spielverderber, die Champagne läuft nicht weg, und ein Blick in die Geschichte schadet ja auch nicht.
Also Verdun.
Und Umgebung.
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Um es vorweg zu nehmen, wer an solchen Dingen interessiert ist, sollte da wirklich einige Tage einplanen und bequeme Schuhe mitnehmen, es gibt wirklich viel zu sehen.
Verdun selbst ist – wie fast alle Orte in der Gegend – nicht sehr schön.

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Im Ersten Weltkrieg wurde alles zerstört, also wirklich flächendeckend, und danach schnell und mit wenigen Mitteln wieder aufgebaut, und das sieht man.
Viele kleine Orte erinnern an alte Zechensiedlungen im Ruhrgebiet, und äußerlich ist nicht viel saniert/renoviert worden, denn der Landstrich gehört immer noch zu den ärmeren Ecken Frankreichs.
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Viel umfangreicher wird in Museen, Soldatenfriedhöfe und Gedenkstätten investiert, da ist alles penibel gepflegt und auf neuestem Stand.
Als erste Station haben wir das „Memorial Verdun“ gewählt, ein komplett neu gestaltetes Museum mit interessanten Ausstellungsstücken und einem teilweise ungewöhnlichen Konzept.
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Man hat stellenweise den Boden so gestaltet, wie er damals ausgesehen haben muss, und der Besucher kann über Glasscheiben darüber gehen. Das fiel nicht nur uns wirklich schwer, es ist ein seltsames Gefühl, und jeder blieb erst einmal stehen und tastete sich vorsichtig voran.
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Für einen Besuch dort sollte man um die 2 Stunden einplanen.
Ganz in der Nähe ist dann das „Beinhaus“, in dem ca. 130000 Gefallene bestattet sind.
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Wie auch im Memorial kann man dort Filme zum Thema schauen, teilweise mit Kopfhörern für die Verdolmetschung.
Die beiden naheliegenden Forts, Fort Douaumont und das etwas kleinere Fort de Vaux, können innen besichtig werden, und man kann die Anlagen auch außen begehen, es führen Treppen mit Handläufen nach oben, aber auch hier sind halbwegs feste und bequeme Schuhe von Vorteil.
Innen gibt es die verschiedenen Abteilungen, wie Schlafräume, Sanitätsstation, Befehlsstand oder auch den Taubenschlag für die damals gehaltenen Brieftauben zu sehen.
Bewegt man sich von einer Gedenkstätte zur nächsten kommt man an einigen zerstörten Dörfern vorbei, die nie wieder aufgebaut und besiedelt wurden. Die Ruinen sind inzwischen stark bewachsen, aber man erkennt immer noch etliche Umrisse und Reste von den damaligen Häusern.
Überhaupt merkt man auch beim einfachen Waldspaziergang noch immer die Folgen des Krieges. Es reiht sich Krater an Krater, und auch viele Schützengräben sind noch erhalten.
Das vom ursprünglichen Reiseplan beibehaltene Hotel ist sehr zu empfehlen, es liegt in Marre und heißt „Le Village Gaulois“, das gallische Dorf, und so sieht es auch fast aus.
Es kommt einem vor wie der Lebenstraum der Betreiber, die in jahrelanger Arbeit alles so liebevoll gestaltet haben.
Man wird sehr freundlich und familiär aufgenommen, und der Patron findet immer Zeit für ein persönliches Wort.
Die Steine für die einzelnen Gebäude wurden nach und nach gesammelt, die runde „Hütte“ des Restaurants sieht so aus als käme jeden Moment Majestix heraus mit der einzigen Sorge, dass ihm der Himmel auf den Kopf fallen könnte. Dicke, niedrige Holztüren und ein offener Kamin runden das Bild perfekt ab.
Die Zimmer sind alle individuell und sehr einfallsreich gestaltet, sie haben keine Nummern sondern Namen, wir bewohnten „Tulipe“, welches eine hübsche Terrasse im üppigen Bauerngarten hat.
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Und die Küche ist so hervorragend, dass wir jeden Abend im Hotel geblieben sind und dort gegessen haben.
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Marre scheint ein guter Ausgangspunkt für Touren aller Art zu sein, nicht nur Richtung Verdun, denn wir trafen einige Radler und Wanderer dort. So wird es sicher noch einmal unser Ziel sein, wenn wir dann die andere Richtung erkunden werden, die Champagne und Reims.