Eine Mauer aus Sprachmüll und Politfolklore

von Mely Kiyak

Diese Rede am Tag der Deutschen Einheit von unserem Bundespräsidenten war – falls mich jemand fragt – so ziemlich das Schrillste, was ich in Sachen Resozialisierung von Rassisten seit der Bundestagswahl gehört habe.

Ich mag es kaum zitieren. Muss ich auch nicht. Wurde ja schon hoch- und runtergenudelt. Irgendwer schrieb, dass es sich um Steinmeiers Ruckrede gehandelt hätte. Nach dem Motto, endlich sagt er, was mal gesagt werden musste.

Also gut, ich zitiere doch:

Ja, die deutsche Einheit ist politischer Alltag geworden. (…) Aber am 24. September wurde deutlich: Es sind andere Mauern entstanden (…)

Ich meine die Mauern aus Entfremdung, Enttäuschung oder Wut, die bei manchen so fest geworden sind, dass Argumente nicht mehr hindurchdringen. 

Nun sind also 13 Prozent AfD-Wähler, die im Wesentlichen dafür gestimmt haben, dass Rassismus, Nationalismus, Islamophobie und eine Retro-Version von Völkisch-Germany Bundespolitik wird, eine Ansammlung von Enttäuschten und Wütenden.

In meiner Welt gibt es für Rassisten, Nationalisten und Anti-Europäer drei ziemlich präzise Begriffe: Rassisten, Nationalisten und Anti-Europäer.

Verstehe gar nicht, weshalb der gesamte politische Apparat auf Euphemismusjagd ist.

Warum glaubt man, AfD-Wähler nicht wie erwachsene Menschen behandeln zu müssen? Die Formulierung Protestwähler ist doch ebenfalls der Versuch, sie von allem Bösen freizusprechen. Selbst wenn sie aus Protest so wählten, na und? Warum gilt dieses Argument nicht für Wähler der NPD? Oder der CDU? Man wählt eine Partei doch immer aus Gründen der Abgrenzung zu einer anderen. Nicht umsonst spricht man bei abgegebenen Stimmen ja auch von „Zustimmung für eine Partei“.

Dann folgte diese Passage in der Steinmeierschen Rede:

Wer in Deutschland Heimat sucht, kommt in eine Gemeinschaft, die geprägt ist von der Ordnung des Grundgesetzes und von gemeinsamen Überzeugungen: Rechtsstaatlichkeit, die Achtung der Verfassung, die Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Zunächst einmal bin ich mir nicht sicher, ob Syrer, die vor Krieg geflohen sind, hier Heimat suchen. Die meisten syrischen Flüchtlinge, die ich in Berlin kenne, suchten zuerst Schutz vor Bomben. Nun suchen viele von ihnen einen Schlafplatz außerhalb einer Einrichtung, wo sie übereinander gestapelt schlafen. Außerdem sind sie permanent damit beschäftigt, Papiere von Amt A nach Amt B zu bringen, wo dann alles verloren geht und sie wieder von vorne anfangen müssen. Ich meine, ich habe nichts gegen Menschen, die eine neue Heimat suchen, aber I swear, die, die ich kenne, fangen langsam an Syrien zu vermissen, weil es so katastrophal schwer ist, in Deutschland Fuß zu fassen. Die Bürokratie macht die Leute fix und fertig. Am meisten sehnen sie sich nach ihren Familien, die sie in ihrer Heimat zurück ließen. Na gut, ich will auf diesen Punkt der Heimatsuche nicht beharren.

Aber nach 13 % AfD-Wählern, das sind immerhin 6 Millionen Bürger, zu behaupten, dass die Geflohenen in ein Land kämen, wo eine gemeinsame Auffassung von Rechtsstaat und Gleichstellung gelte, ist schon ein bisschen schräg, oder? Weil es nämlich nicht stimmt.

So geht das die ganze Zeit weiter:

Die Lehren zweier Weltkriege, die Lehren aus dem Holocaust, die Absage an jedes völkische Denken, an Rassismus und Antisemitismus, die Verantwortung für die Sicherheit Israels – all das gehört zum Deutsch-Sein dazu.

Vielleicht bin ich jetzt bescheuert, aber ich versuche es mal so zu erklären. Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe waren mustergültige Beispiele von Menschen, die sich völlig abgekehrt hatten von allem, was Steinmeier da aufzählte. Sie waren Antisemiten, Rassisten, völkisch und so weiter. Aber spricht man ihnen deshalb jetzt das Deutsch-Sein ab? Sind jetzt alle Deutschen von Natur aus Antirassisten?

Verstehe ich das richtig? Wenn ein Geflohener Juden hasst, ist er ein Antisemit. Wenn ein Deutscher Juden hasst, handelt es sich um eine Mauer aus Enttäuschung und Wut. .

Wenn es dem Bundespräsidenten Steinmeier so wichtig war, am Tag der Deutschen Einheit Politikkunde für Geflohene statt an Einheimische zu adressieren, hätte er doch relaxt sagen können: „Hey, ihr da draußen, wenn ihr zu uns nach Deutschland kommt, um uns mit eurem Rassismus die Stimmung hier zu vergiften oder mit sonstigem antidemokratischen Scheiß zu nerven, bleibt bitte wo ihr seid. Das können wir hier nicht gebrauchen. Wir haben nämlich selber schon genug von dem Mist.“

Es ist übrigens interessant, dass die Worte „Rassist“ und „Antisemit“ in jener Passage vorkommen, die eingeleitet werden mit den Worten „Istanbul“, „Bosporus“, „die Neuen“, „Einwanderer“, „Integrationsaufgabe“ – in dieser Reihenfolge. Am Anfang seiner Rede, als von „Wir Deutschen“ die Rede war und der „Mauer“, da fielen die hässlichen Begriffe nicht. Da war von Misstrauen gegenüber der Demokratie die Rede, von Verunsicherung und Sorgen, ja sogar von Sprachlosigkeit.

Diese Rede ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie im deutschen Diskurs Rassismus bei „den Anderen“ geparkt wird und der eigene Fremdenhass verhüllt wird in eine berechtigte und nachvollziehbare Sehnsucht nach Heimat oder Demokratiemüdigkeit.  Anders gesagt: wie eine Mauer aus Sprachmüll und Politfolklore errichtet wird.

Schließlich kommt in seiner Rede eine kleinlaute Einschränkung vor, die so klingt:

Doch wie sollen wir dieses Bekenntnis von Zuwanderern erwarten, wenn es in der Mitte unserer Demokratie nicht unangefochten bleibt? 

Und dann das:

Diesem Land anzugehören, bedeutet Anteil an seinen großen Vorzügen, aber eben auch an seiner einzigartigen historischen Verantwortung zu haben. Für mich gehört genau das zu einem aufgeklärten deutschen Patriotismus.

Hä?? Wieso denn Patriotismus? Wo kommt das denn jetzt her? Ist das jetzt die Frage der Stunde? Da sitzen demnächst fast 100 durchweg politisch unappetitliche Gestalten im Bundestag und der Bundespräsident sieht die dringlichste Aufgabe darin, eine Anleitung zum politisch korrekten Patriotismus abzugeben?

Ich glaube nicht, dass Frank-Walter Steinmeier das alles privat so sieht. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass er persönlich abgestoßen ist von der ganzen Stimmung im Land. Saß er doch jahrelang mit Initiativen zusammen, die das Abdriften der  deutschen Politik in den ureigenen, deutschen Rassismus beharrlich thematisierten. Er ist eben nicht der mutigste Politiker, den wir haben, sondern derjenige, der am wenigsten stören möchte.

Jetzt aber wäre genau die richtige Zeit gewesen zu stören. Wenn nicht jetzt, wann dann? Wann dann?

Sorry, jetzt habe ich die ganze Zeit nur zitiert. Nächstes Mal werde ich, wie gewohnt an dieser Stelle über Erziehung, Ernährung und Sex plaudern.

Mely Kiyak

Referendum – Chia-Samen auf Simit

von Mely Kiyak

In zwei Wochen wird über das Verfassungsreferendum in der Türkei abgestimmt. Ist jemandem bekannt, ob Wahlbeobachter der OECD da sein werden? Angeblich wurde die Geburtswoche des Propheten Mohammed, die von Sunniten feierlich begangen wird, der Abstimmung wegen um einen Tag vorverlegt. Falls das stimmt, why not? Jetzt ist der Prophet bereits Hunderte von Jahren alt, wird er halt noch einen Tag älter gemacht. Praktisch sind sie ja, diese Sunniten. Zwei religiöse Zeremonien an einem Tag verkraftet der Orthodoxe nicht.

In ausnahmslos jeder deutschen Talkshow zum Thema Türkei-Referendum sitzen Lobbyisten der AKP. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit sitzen dort aber nicht Mitglieder der kurdischen, alevitischen, armenischen, yesidischen oder sozialdemokratischen Parteien, Vereine und Organisationen. Die AKP-Lobbyisten, die in Europa „Union Europäisch-Türkischer Demokraten“ heißen, kurz UETD, haben offenbar ein Abonnement bei Anne Will & Co.

Einmal war Markus Söder, Mitglied der CSU, zu Gast bei Maybrit Illner, zusammen mit einem ehemaligen HDP-Abgeordneten (das einzige Mal, dass ein Oppositioneller etwas sagen durfte) und war sechzig Minuten lang genervt und stöhnte laut auf und schüttelte den Kopf und rollte mit den Augen. Sein Vorwurf: Geht’s jetzt um die Feinheiten der türkischen Verfassung, oder was?

Das muss man auch erst einmal verkraften. Dass jemandem sein Wissen vorgeworfen wird. Da fällt mir ein, wie mir Günther Jauch vor seiner Talkshow einmal ins Ohr flüsterte: Wir wissen, dass Sie viel wissen. Aber bitte behalten Sie es für sich! Sonst überfordern Sie den Zuschauer.

Die Sendung habe ich ohnehin ungut in Erinnerung. Ich saß in der Maske. Es war noch Farbe von Wolfgang Bosbachs letztem Auftritt im Airbrush. Die Maskenbildnerin bot mir an, dass sie mich damit einsprüht, weil unser Teint sich angeblich ähneln würde. Ich weigerte mich und zur Strafe bepinselte sie mich mit weißer Wandfarbe. Mit dem Rest von Bosbachs Teint wurde der damalige Innenminister Hans-Peter Friedrich bestäubt.

Mittlerweile gehe ich, wie viele andere Kolleginnen auch, nicht mehr ins deutsche Fernsehen. Die politische Bildung der Fernsehredaktionen ist verheerend und das Gesprächsniveau dementsprechend. Es hat keinen Zweck. Schon mal aufgefallen, dass Frauen wie Hilal Sezgin, Katajun Amirpur oder Naika Foroutan nicht mehr mitdiskutieren?

Bei dem Referendum in der Türkei geht es um die Änderung von 18 Artikeln. Sie hätte Hunderte von Folgen. Dadurch würde sich nicht nur die Justiz ändern, sondern auch die Zusammensetzung des Parlaments, die Zahl der Sitze, die Diskussionskultur. Das Blockieren von Gesetzesvorhaben würde legislativ legitimiert. Das ist eine staatsrechtlich äußerst diffizile Angelegenheit, die in deutschsprachigen Medien nirgends en Détail erläutert wird. Schade, oder? Wo wir doch alphabetisiert sind. Und seit Jahren jede Woche über die Türkei diskutiert wird.

In Deutschland erörtert man lieber, ob die Türken hier des Referendums wegen zerstritten sind.

Das Referendum ist aber keine Scheidung, bei der anschließend traurige Kinder zurück bleiben. Es geht um Menschenrechte wie Partizipation, politisches Mitspracherecht und demokratische Interessensvertreter.

Nur ein Beispiel: Seit der Republikgründung wurde die Türkei ungefähr die Hälfte ihrer Zeit im Ausnahmezustand regiert. Im Ausnahmezustand wie derzeit kann die Türkei nur für eine begrenzte Zeit per Dekret regiert werden. Danach muss sie zur parlamentarischen Demokratie zurückkehren. Wenn das Amt des Ministerpräsidenten mit dem des Staatschefs zusammengelegt wird, kann der künftige Präsident der Türkei stets per Dekret regieren. Und ja, die Abstimmung darüber ist legal und demokratisch. Die Abschaffung der parlamentarischen Demokratie würde auf legalem Weg zustande kommen. Allerdings sind zuvor die Parteien, die das hätten verhindern können und die legal und demokratisch ins Parlament gewählt wurden kriminalisiert und rausgeworfen worden. Siehe: Dekret und Ausnahmezustand.

Es gibt eine seit Jahrzehnten widerständige und vitale Opposition in der Türkei. Darunter befinden sich Politiker, Menschenrechtsaktivisten, Flüchtlingshelfer, Terrorexperten, Schriftsteller, Journalisten, Ärzte, Sanitäter, Lehrer, Künstler, Architekten.

Diese Leute erzählen uns in ihren Büchern, Essays, Vorträgen, dass im Osten der Türkei ein Krieg herrsche, der vor allem einen Zweck verfolgt: Die Vernichtung der kurdischen Identität. Diese Kriege, die in der Türkei immer wieder geführt wurden, bringen nachwachsende Generationen von Widerständlern hervor, die sich mit weiteren Kurden entlang der Grenzen zu Syrien, Irak und Iran vernetzen.

Deshalb wird im Süden des Landes eine Mauer gebaut, die die Autonomiebestrebungen der dortigen Kurden ersticken und ihnen den Zugang zur Türkei versperren soll. Die Hälfte der über 500 Kilometer langen Mauer ist schon fertig gebaut. Die Taktik zuvor war übrigens, Islamisten dort ansiedeln zu lassen, die das „Problem“ lösen. Das alles wie  immer mit Waffen aus Deutschland. Das ist traditionell so. Dass Deutschland am Krieg gegen Kurden verdient.

Nach dem Referendum wird es nie wieder eine parlamentarische Opposition geben können, die Untersuchungsausschüsse fordert oder Menschenrechtsverletzungen anprangert und Rechenschaft von der eigenen Regierung fordern kann.

Wann immer es möglich war, haben Kurden für ein parlamentarisches Mitspracherecht in Parteien oder mit Direktmandaten gekämpft. Immer, ausnahmslos immer, nahm man ihnen die Immunität.

Lobbyisten aus der völkisch-rassistischen Bewegung wie der UETD finden das Referendum prima. Was sind „Europäische Türken“ eigentlich? In meiner Welt gibt es nur Staatsbürger. Welche Staatsbürgerschaft hat ein europäischer Türke? Oder gilt, einmal Türke, immer Türke – wegen Blut und Abstammung, oder warum?

Warum werden sie nie gefragt: Sag mal Europäischer Türke, warum gibt es denn seit Jahrzehnten kurdische Parteien und Widerstandsgruppen quer durch alle Bevölkerungsschichten und Milieus? Weil die kurdischsprachige Bevölkerung nicht weiß, womit sie ihren Tag herum bekommen soll?

Warum sitzen nicht jene Rechtsanwälte in ARD und ZDF, die Menschen vertreten, die seit Recep Tayyip Erdoğans Machtübernahme in Gefängnissen sitzen? Noch nie in der Geschichte der Türkei saßen so viele Menschen unter Terrorverdacht ein, wie zur Zeit der AKP-Regierung. Nicht einmal nach dem Putsch 1980 gab es so viele Inhaftierte. Die Rechtsanwälte könnten aus den Gefängnissen berichten. Von massiven Foltermethoden gegen Kinder, Frauen und Männer. Menschenrechtsaktivisten aus der Türkei und Europa können sehr detailliert über sexuellen Missbrauch, Schläge, Schlafentzug, Folter an Genitalien und anderes schildern.

Stattdessen nehmen deutsch-türkische Feministinnen in Talkshows teil und rühren das Referendum mit unterdrückten Frauen und Kopftüchern zusammen und kreieren eine Hello-Kitty-Kemalismus Vision einer guten Türkei.

In der Türkei gab es mal eine feministische Bewegung, die insbesondere auch von Kurdinnen ausging. Diese feministische Bewegung hat es geschafft, um nur ein Beispiel zu nennen, dass Vergewaltigung in der Ehe im türkischen Strafrecht berücksichtigt wird. Noch, muss man wohl ergänzen.

Oppositionelle Kurdinnen in Diyarbakir gehören zu den Pionieren der flächendeckenden Einrichtung von Frauenhäusern in der gesamten Türkei. Dass Führungspositionen in Parteien von Frauen u n d Männern besetzt werden, haben erstmals in der Türkei Parteien eingeführt, die von Kurden gegründet wurden. Diese Frauen, von denen ich spreche, brauchen weder feministische Fürsprecherinnen aus Istanbul, Ankara oder Izmir noch aus Berlin oder Köln. Nie sitzen sie in der Phoenix Runde.

Es geht bei Feminismus in der Türkei nämlich nicht um das Ablegen des Kopftuches sondern um eine selbstbestimmte Sexualität, egal ob verschleiert oder nicht, um Kinderbetreuung, Gewalt in der Ehe, Sexismus, Genderfragen, Stadt-Land-Verhältnis, Gleichberechtigung von Migrantinnen und alles das, was man auch schon aus Europa kennt.

In Deutschland legt man aber Wert darauf, dass die Frauenfrage in der Türkei sich auf Kopftücher reduziert. Das Skandalöse an der neuen Schicht der kopftuchtragenden Akademikerinnen ist nicht ihr Kopftuch, sondern ihr brutales Verständnis von Gesellschaft. Sie wollen eine Art islamisch-sunnitische Bourgeoisie mit eigenen Konzerthäusern, Museen und Shoppingtempeln, sie wollen Chanel, Chopin und Selfies vor romantischen Sonnenaufgängen im Ramadan. Die Mittel- und Oberschicht in ihren gentrifizierten gated communities hält sich Kindermädchen und Putzfrauen wie Sklavinnen. In der Türkei werden Tausende von syrischen Frauen zudem zur Sexarbeit gezwungen. An die Stelle der ausgebeuteten kurdischen Binnenmigrantinnen aus dem Osten sind die Yesidinnen und Syrerinnen getreten.

Man könnte die Liste dieser Anmerkungen seitenlang, tagelang so fortführen.

Ich möchte nur zwei Zahlen nennen.

Wenn wir über die Türkei sprechen, dann sprechen wir über eine Bevölkerungsgröße von 75 Millionen Staatsbürgern. Schätzungen gehen von ungefähr einem Viertel Aleviten aus. Eine sehr große Minderheit. Ihre heilige Schrift ist nicht der Koran und sie beten nicht in einer Moschee. Sie wählen nicht die AKP. Die Situation der Aleviten taucht in den deutschen Diskussionen gar nicht auf.

Wenigstens ein weiteres Fünftel der Türkei besteht aus Kurden. Die Menschenrechtssituation der ostanatolischen Bevölkerung spielt in den Diskussionen ebenfalls keine Rolle. Wie kann das bloß sein?

Die AKP oder UETD erzählt gerne, dass in ihren Reihen auch Kurden wären. Dabei handelt es sich allenfalls um sunnitische Kurden. Man trifft sich mit sunnitischen Türken zum Freitagsgebet und definiert die Gemeinsamkeit über die Religionszugehörigkeit, nicht über die Ethnie. Sollte ein sunnitischer Kurde für alevitischen Religionsunterricht an der türkischen Schule sein, kann er gleich sein Parteibuch abgeben.

Wir kennen dieses Assimilierungsphänomen aus Deutschland sehr gut. Es gibt Migranten, die die Menschenrechtslage der Minderheiten in der Türkei beklagen und gleichzeitig in Deutschland Rassismus gegen Muslime betreiben.

Man darf Muslime nicht bekämpfen. Das ist undemokratisch. Sie sollen beten, soviel sie wollen und mit Kopftüchern an der Universität studieren, forschen und lehren und die Bärte der Männer können von mir aus die Bürgersteige sauber fegen. Es ist ihr Recht, sich zu organisieren und die Glaubensinhalte so auszuüben, wie sie es für richtig halten. Von ganz liberal bis superorthodox muss alles drin sein dürfen.

Kritikwürdig ist, dass man in der Türkei nicht Kurdologie studieren kann. Dass keine Lehrstühle für alevitische oder yesidische Theologie erlaubt sind. Dass Wissenschaft immer nur dann gestattet ist, wenn es nicht an tradierten Weltbildern rüttelt.

Es wäre gut, wenn die Koranschulen im Osten wieder durch Grundschulen ersetzt werden würden und Soldaten der türkischen Armee wegen ihrer Kriegsverbrechen an der Bevölkerung in Ostanatolien vor einem Gericht dafür Verantwortung tragen müssten.

Es gibt zu viele Verbote in der Türkei, zu viele Tabus. Eine Gesellschaft, die so lebt, wird immer ein Problem damit haben, ihre Widersprüche in Einklang mit ihren Werten zu bringen. Und sie wird immer ein Problem mit Terrorismus bekommen.

Und trotz strengster Säkularisierungspolitik und der Gegenpolitik der Islamisierung, die sich immer miteinander abwechselten, war die Türkei im Gegensatz zu Deutschland das stets multikulturellere und multireligiösere Land, wo die Kirchenglocken genauso laut ertönten wie der Muezzin.

Und wenn noch tausend Mal die Arenen der AKP-Veranstaltungen in Deutschland gefilmt und Interviews von Erdoğan-Fanatikern eingeholt werden, es bleibt ein Ausschnitt. Ich verstehe deshalb nie, wer mit „Türken in Deutschland“ gemeint ist.
Die deutschsprachigen Publizistenkollegen sollten verstehen, dass in der Türkei nicht nur Türken leben und dass zu den vier Millionen Türkeistämmigen in Deutschland demzufolge auch Kurden, Aleviten, Juden, Christen, Yesiden und Armenier zählen und nicht zu vergessen, die alte türkische Linke, die ebenfalls vor Jahrzehnten nach Deutschland floh.

Den Riss in der türkischsprachigen Community gibt es nicht erst seit der Abstimmung über das Referendum, sondern schon immer.

Einer der vielen Gründe dafür ist auch dieser: Kurden und Oppositionelle wurden in Deutschland vom türkischen Geheimdienst i m m e r bespitzelt. Die Geheimdienstleute wurden unter den Türkischlehrern rekrutiert, unter Mitgliedern der Religionsbehörden, unter Beamten, unter ganz normalen Gastarbeitern. Seit den 1990er Jahren ist das in Deutschland gängige Praxis. Aus dieser Zeit sind Fälle bekannt, wo kurdische Schulkinder von ihren Türkischlehrern an deutschen Schulen über ihre Eltern ausgehorcht wurden.

Wenn Kurden in Deutschland über so etwas berichteten, wurden sie als spinnerte PKK-Mitglieder, Terroristen oder anderweitige Idioten behandelt. Deshalb sollten in Diskussionen über die Türkei nicht nur Menschen mit Meinungen, sondern mit Erfahrungen und – ich wiederhole mich ungerne – mit Wissen gehört werden.

Dass man sie nicht einlädt, schürt einen üblen Verdacht. Sollte jede Talkshow in Deutschland mit einem Mitglied der UETD dazu dienen, die Türkeistämmigen in Deutschland als eine debile Horde von aggressiven Idioten zu zeigen? Wo es hier doch Tausende von Menschen gibt, die seit Jahren und Jahrzehnten für Demokratie und Menschenrechte streiten, im Widerstand sind und beiden Gesellschaften, der deutschen wie der türkischen, einen Riesendienst erweisen. Darunter sind auch türkische Linke aus der Westtürkei.

Sie nicht zu beachten, sie nicht zu Wort kommen zu lassen, ist genau das, was die AKP und ihre Stellvertreter in der UETD in Deutschland wollen. Nämlich: Die Politik der Entrechtung fortführen und die Stimmen des Widerstandes nicht hörbar machen.

Ich beobachte seit zwei Jahren sehr intensiv die Besetzung dieser Gesprächsrunden und stelle fest, dass die AKP mit Hilfe der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland ihre politischen Inhalte schön gemütlich bewirbt.

Sie bräuchte für Wahlkampfveranstaltungen eigentlich kein Geld mehr ausgeben, wo es ohnehin nur darum geht, zu osmanisch angehauchter Operettenmusik ekstatisch zu klatschen und in Trance für den Führer zu fallen. Um Politik geht es da genauso wenig wie es in einem Megagottesdienst um die Bibel geht. Es geht um Zusammenhalt. Wie evangelischer Kirchentag – nur mit deutlich mehr Eyeliner.

Hätten alle Türken in Deutschland ein Wahlrecht, wären sie nicht so fixiert auf Türkeipolitik. Ich sage immer, wenn man Menschen keine Bürgerrechte gibt, machen sie schrille Sachen.

Auch die Art wie über die Gülen-Bewegung gesprochen wird, hat sich im deutschen Diskurs sehr gewandelt. Man behandelt sie, als wären die Gülenisten eine verfolgte Menschenrechtsorganisation. Sie sind meines Wissens aber immer noch eine gefährliche islamistische Sekte. Nur zur Erinnerung: Bis vor kurzem wollten die AKP und die Gülenisten gemeinsam aus der Türkei ein Boomtown Kalifat mit Börsenumsatzsteuer errichten.

Oder die Sache mit den hochrangigen Offizieren, die in Europa Asyl suchen, weil man sie des Putschversuches bezichtigt. Wenn die Türkei so scharf darauf ist, Kriminelle ausgeliefert zu bekommen, soll sie sich doch um diejenigen islamistischen Brandstifter bemühen, die seit Jahren in Deutschland im politischen Asyl leben. Diese Männer haben vor der Öffentlichkeit 1993 Aleviten in Sivas verbrannt. Das Staatsfernsehen hatte das Spektakel damals stundenlang übertragen. Die Leute, die das gemacht haben, leben jetzt gemütlich in Berlin und Köln. Möchte die Türkei sie vielleicht jetzt zurückhaben? Wo sie doch immer ihre Rechtsstaatlichkeit so betont.

Ich wünsche mir für die Türkei, dass ein bärtiger Sunnite, der Sultan Yavuz Selim [1] in der Türkei verehrt, mit einem alevitischen Kurden, der Abdullah Öcalan [2] verehrt, eine schöne schwule [3] Hochzeit feiern darf und dass das Paar armenische Kinder adoptiert, die zum Judentum konvertieren und morgens auf ihre glutenfreien Simit [4] Chia-Samen [5] streuen.

Mit dieser grazilen Vision endend, möchte ich darauf aufmerksam machen, dass das Referendum in der Türkei und die Auferstehung Jesu Christi auf denselben Tag fallen.

Wenn der Geburtstag des Propheten Mohammed einen Tag später gefeiert werden kann, hätte man auch Ostersonntag verschieben sollen. Es müsste doch reichen, wenn am 16. April nur ein Gott in Erscheinung tritt, oder denkt jemand anders darüber?

Mely Kiyak

Ruhestörung

von Mely Kiyak

In „Sternstunde Philosophie“ sah ich ein Gespräch zwischen Daniel Barenboim und Barbara Bleisch. Gerne stelle ich die beiden kurz vor.

Daniel Barenboim ist ein Pianist und Dirigent aus Argentinien, aber eigentlich wie alle Musiker ein Weltbürger. Gemeinsam mit Edward Said gründete er das West-Eastern Divan Orchestra und gilt deshalb seit Jahren als Anwärter für den Friedensnobelpreis.

Barbara Bleisch ist Philosophin und die Moderatorin der Philosophiesendung im Schweizer Fernsehen. In meinen Augen die klügste Gesprächsleiterin im deutschsprachigen Mediengeschäft. Sie hat einen messerscharfen Verstand und ist sehr belesen.

Der Musiker und die Philosophin sprachen über Musik. Es ging um Zuhören und Verstehen.

Das fand ich sehr sympathisch. Ich gehörte nie zu jenen Leuten, die klassische Musik auflegten und anfingen zu träumen. Mir gelang die Annäherung an Musik immer nur über Bücher, weil in meiner Erziehung die europäische Klassik keine Rolle spielte. Immer las ich erst über einen Komponisten und hörte anschließend sein Werk. So lernte ich ein Orchesterstück zu entziffern. Hörte ich eine Musik oft genug, gelang es mir das Stück in Gänze zu erfassen und mich nicht mehr nur auf eine Stimme zu konzentrieren. Durch Nachlesen erfuhr ich um die Notwendigkeit von Dissonanz. Dass man erst auflösen kann, wenn man zuvor kompliziertes Chaos stiftete.

Ich vergaß es vielleicht zu erwähnen. Musik ist für mich das höchste, was der Mensch vollbringen konnte.

Regelmäßig verbringe ich abends ein paar Stunden damit Musik zu hören. Nur so gelingt es mir das Geschehen in eine andere Hierarchie umzusortieren. Was mich eben noch erregte und aufwühlte, nervte oder um den Verstand brachte, gerät durch das Hören von Musik in eine neue Ordnung.

Barenboim und Bleicher landeten während ihrer Konversation bei Martin Buber und seinem berühmten Text vom „Ich und Du“. Buber beschäftigte sich als Religionsphilosoph viel mit Orthodoxie und Politik. Unter anderem beschrieb er das Verhältnis vom Ich zu Gott oder vom Ich zum Anderen als dialogisches Prinzip. Erst durch die Existenz des Du wird das Ich zum Ich. Und im Weiterspinnen dieses Prinzips landeten Barenboim und Bleicher irgendwie bei dem Gedanken, dass wenn einer spricht, trotzdem zwei Stimmen existieren, weil auch das Zuhören eine Stimme ist.

Das gefiel mir auch schon wieder so gut. Demnach hätte selbst das Verstummen eine Stimme, nämlich eine ohne Klang aber trotzdem mit Geräusch.

John Cage hatte es in seinem Stück 4’33 vorgeführt. 4 Minuten und 33 Sekunden lang ertönt das Nichtspielen, was etwas anderes ist als gar nichts. Irgendwann, so beschrieb es Cage, hörte er sein Blut rauschen. Als das Stück das erste Mal in New York aufgeführt wurde, kam es zu einem Eklat. Was auch schon wieder komisch ist. Dass die Stille provoziert.

Barenboim erinnerte auch an Hitlers und Stalins Musikbesessenheit. Der eine hörte Wagner, der andere liebte Mozart. Wie das sein kann, dass man mordet und sich dann eine Platte auflegt? Ist kein Widerspruch. Du kannst das Grausamste vollbringen und dich am Herrlichsten laben.

Angeblich fand man neben Stalins Sterbebett eine Aufnahme von Mozarts Klavierkonzert No 20 und No 23 in einer Einspielung von Maria Judina. Spitzfindig wie man ist, hätte man natürlich gerne nachgefragt: „Hey Hitler und Stalin, ohne 60 Millionen Tote in Europa hätten Mozart und Wagner sicher nur halb so schön geklungen, nicht wahr?“ Das verheerende Missverständnis unserer Tage besteht doch übrigens immer noch darin, dass man meint, dass ein Mensch entweder intellektuell und kultiviert sei oder Barbar.

Ich kannte einen jungen verzweifelten Vater, der nie begriff, warum sein Sohn, immer wenn es ruhig und harmonisch wurde, anfing zu randalieren. Er stammelte hilflos: „Aber es war doch gerade alles in Ordnung“. Damals fehlten mir die Worte, aber intuitiv verstand ich das Kind. Auch die Ruhestörung ist ein Stück mit zwei Stimmen.

Da fällt mir noch eine Sexgeschichte ein. Ich kenne einen Mann, der mir folgendes erzählte. Jedes Mal, wenn er sich mit einem Buch oder einer Zeitschrift zurückzieht, um sich für einen Moment von der Welt abzuwenden, kommt seine ansonsten stets widerborstige, zanksüchtige Frau und jammert: „Na toll! Statt zu lesen könntest du mal wieder mit mir schlafen!“ Die Pointe ist natürlich, dass er sich umständlich vom Sofa hochwuchtet und ihr missmutig ins Ehegemach hinterher trottelt. Der Sex selbst ist wohl ein Feuerwerk ohne Explosion.

Und damit, liebe Leserinnen und Leser möchte ich es in dieser letzten Theaterkolumne für dieses Jahr bewenden lassen. Es ist schon wieder so laut und hysterisch draußen, Sie verfolgen es ja alle. Wie heißt es so schön? Das Jahrhundert rückt vor, jeder Einzelne aber fängt doch von vorne an.

Es war wie immer ein großes Vergnügen für Sie zu schreiben.
Wir hören uns im Neuen Jahr. Ich freue mich darauf.
Mein Herz schlägt Hoffnung.

Mely Kiyak