Can Dündars Theater Kolumne #6: „Geduld und Vertrauen“

Ich warte am Berliner Hauptbahnhof auf den Zug nach Dortmund.
Der Zug verspätet sich, als wolle er die Legende von der deutschen Pünktlichkeit in Schutt und Asche legen… Unsere Blicke sind auf die Anzeigetafeln gerichtet… Zuerst werden 45 Minuten Verspätung angezeigt; dann eine Stunde… dann zwei Stunden… Hunderte von Menschen drängen sich auf dem Gleis. Doch niemand scheint es eilig zu haben. Alle warten geduldig an Ort und Stelle.
Ich denke mir: „Wenn das in der Türkei passierte, wäre jetzt die Hölle los… Die Fahrgäste hätten sich neugierig oder um sich zu beschweren um die Verantwortlichen geschart, laute Diskussionen wären entbrannt…“
Da ich auch im Internet keine Informationen bekomme, gehe ich nach zweieinhalbstündigem Warten auf einen Verantwortlichen zu und erkundige mich nach dem Grund der Verspätung und dem Verbleib des Zuges. Er antwortet: „Es gab ein Problem, das behoben wird. Wenn Sie möchten, können Sie das Ticket zurückgeben und den Fahrpreis zurückerstattet bekommen.”
Es sind zwei weitere Personen da, die, wie ich, nachfragen: Der eine ist Grieche, der andere Italiener… Ich frage lächelnd den Griechen: „Ist Ihnen auch aufgefallen, dass außer uns Südländern niemand nachfragt?”
Verwundert stimmt er zu:
„Warum wohl?”
Mir fallen zwei Möglichkeiten ein:
Geduld und Vertrauen…

***

Geduld ist ein kultureller Code, der mich beschäftigt, seit ich in Deutschland angekommen bin… Die Deutschen sind geduldige Menschen… Sie warten in langen Warteschlangen in den Banken oder an Kassen, ohne sich zu beschweren. Während der Autofahrt fahren sie nicht Slalom, um das Auto vor ihnen zu überholen. Auch wenn der Verkehr stockt, fahren sie nicht über die Fahrradwege oder sind nicht so gewieft, einem Feuerwehrwagen, der die Straße freimacht, zu folgen. Sie geben den Fußgängern den Vorrang und wenn ein Taxifahrer sich mit seinem Fahrgast auf einer einspurigen Straße etwas länger beim Bezahlvorgang aufhält, fangen sie nicht an zu hupen, als wären sie ein Krankenwagen, der einen Notfallpatienten ins Krankenhaus fahren muss.
Wie lässt es sich erklären, dass je östlicher man sich von Europa wegbewegt, von Istanbul über Neu-Delhi bis hin zu Peking, das Gehupe immer lauter und unerträglicher wird?
Ist es lediglich die Ungeduld?
Warum können wir in der Schlange in der Bank nicht hinter der roten Linie warten und stoßen stattdessen unseren Ellbogen in die Rippen unseres Vordermannes?
Warum widerstrebt es uns derart, einem Fußgänger den Vorrang zu geben?
Warum bestehen wir darauf, Geschwindigkeitsbeschränkungen zu überschreiten?
Wozu diese Eile?
Können wir sagen, dass es der Osten besonders eilig hat?
Können wir diese Hektik damit erklären, dass „Entwicklungsländer” es so eilig haben, weil sie einiges aufzuholen haben?
Oder ist dies ein kulturelles Handlungsschema?
Es gibt ein sehr konkretes Beispiel, das dies widerlegt:
Die meisten türkischen Autofahrer, die sich in Deutschland penibel an die Regeln halten, erinnern sich, sobald sie in der Türkei sind, ganz plötzlich an das Gaspedal und genießen es, alle Geschwindigkeitsbeschränkungen zu überschreiten. Der gleiche Fahrer im gleichen Auto wird, sobald er die Landesgrenze überschritten hat, zum Rally-Piloten.
Das heißt also, es ist keine Frage der kulturellen Genetik, sondern eine Frage der Regeleinhaltung…
***

Deutschland ist ein Regel-Regime…
Die Türkei ist ein Land, in dem das „Recht des Stärkeren” gilt…
Während Sie im Stau versuchen, auf die  Bosporus-Brücke zu fahren, kann es vorkommen, dass ein Rüpel mit seinem Auto Sie von links bedrängt und sich vordrängelt. Ihm beizubringen, dass dies nicht rechtens ist, kann Sie teuer zu stehen kommen.
Dass es keine Regeln gibt, und dass die unausgesprochene Regel den Stärkeren begünstigt, führt zu Ungerechtigkeit und fördert die Gewalt. Wer sich an Regeln hält, geduldig und zu Opfern bereit ist, bleibt am Ende der Dumme. Er verspätet sich. Er bleibt alleine. Und nach einer Weile fragt er sich, ob er der einzige Dumme ist und reiht sich ein in die Riege der Regelverletzer.
Eine der meistgestellten Fragen in der Türkei ist die feststehende Formulierung „Weißt du, wer ich bin?”. Das bedeutet, dass Sie eine wichtige Person sind oder jemand Wichtigen kennen – und sie wirkt bei jeder Straftat, von Alkohol am Steuer bis hin zur Geschwindigkeitsüberschreitung. Der Polizist weiß, dass er von oben einen Anruf erhalten wird und seinen Job verlieren kann, sollte er ein Bußgeld verhängen. Also zieht er es vor, sich nicht in Schwierigkeiten zu bringen.
Eine der ersten Warnungen, die ich erhalten habe, als ich in Deutschland Auto gefahren bin, war: „Fahr bloß nicht alkoholisiert, du könntest dich nicht mal retten, wenn du Minister wärst.”
Und dies führt uns zum Thema Vertrauen, das hinter der Geduld steckt.
Denn was einen wahnsinnig macht, ist nicht die Wartezeit in der Warteschlange, sondern die Ungerechtigkeit… Wenn alle warten, wenn das Leid geteilt wird, ist es leichter, Geduld aufzubringen. Doch wenn sich jemand vordrängelt, während Sie warten, diese Bevorzugung schürt den Aufstand. Dann wird es schwieriger, Geduld aufzubringen. Wenn die Mechanismen, die die Gerechtigkeit herstellen, nicht existent sind oder nicht funktionieren, sieht jeder selbst zu, wo er bleibt. Und der Konflikt beginnt.

***

Ich muss gestehen, ich bin nicht unbedingt einer, der Regeln mag.
Ich fand Gesellschaften, die in Regeln gefangen sind langweilig.
Nachdem ich aber das Resultat gesehen habe, wie in der Türkei alle Regeln zunichtegemacht wurden und die Regellosigkeit zur Regel gemacht wurde, bin ich regelkonform geworden.
Ich glaube daran, dass Regeln, die auf gegenseitigem Respekt beruhen und die im Konsens aufgestellt wurden, nicht nur die Ordnung, sondern auch die Gerechtigkeit gewährleisten.
Wenn ich nochmal zum Anfang zurückkehre; die Deutschen, die am Bahnhof warten, warten geduldig im Vertrauen darauf, dass die Verspätung einen rationalen Grund haben wird, und dass die Verantwortlichen sich darum kümmern werden.
Wenn Sie dieses Vertrauen nicht haben, wenn Sie annehmen, dass die Verspätung aus einem absolut irrationalen Grund herrührt, wenn Sie denken, dass sich keiner darum kümmert, ist es unumgänglich, dass Sie ungeduldig werden und einen Verantwortlichen suchen, bei dem Sie sich beschweren können.
Wenn Sie daran glauben, dass die Stärksten Sie umrempeln und Sie zurückbleiben, wenn der Zug kommt, dann müssen Sie entweder stärker werden oder sich an einen Starken anlehnen.
Eine Ungerechtigkeit, die entstanden ist aus Regeln, die nur dem Stärkeren dienen, führen Gesellschaften entweder zum Aufstand oder dazu, dass man Zuflucht sucht bei der stärksten Autorität…
Die Türkei ist gegenwärtig irgendwo dazwischen…

 

Serkan Altuniğne ist einer der bekanntesten Karikaturisten und Drehbuchautoren in der Türkei und zeichnet seit 2002 Karikaturen für das wöchentlich erscheinende Istanbuler Satiremagazin „Penguen“.

Angela Merkel sitzt im pinkfarbenen Sesselchen und modernisiert Deutschland

von Mely Kiyak

 

So. Nun können wir auch hinter diese Sache einen Haken machen. „Ehe für Alle“ so gut wie durchgesetzt. Ist das nicht famos? Wie schnell es geht, dass eine Kanzlerin ihre Ansicht über ein Thema ändert, bloß weil alle anderen es zur Koalitionsvoraussetzung machen?

Die Republik unter Merkels Führung wird oft innerhalb von Sekunden modern. Es sind jene Momente, in denen die Kanzlerin sich in die Ecke gedrängt fühlt, weil außerhalb ihres Wirkungsbereiches etwas vor sich geht, über das sie die Kontrolle verliert. Das war beim Ausstieg aus der Kernkraft so und bei der Entscheidung die Flüchtlinge aus Ungarn abzufangen. Immer geschah zuvor etwas Unvorhergesehenes. Fukushima oder das rabiate Vorgehen der Ungarn gegenüber den Flüchtlingen oder der Parteibeschluss der Grünen, dass die „Ehe für Alle“ eine Bedingung für eine Zusammenarbeit darstelle, dem die SPD und die FDP folgten. Merkel wittert Umbruch, also macht sie den Weg frei. Ohne vorherige Absprache mit ihrer Partei.

Eben noch Reformstau und Beton in den Köpfen und auf einmal scheint es, alles sei möglich. Mein Gott, was kommt als nächstes? Wahlrecht für Migranten, die schon seit einer halben Ewigkeit hier leben?

Ich möchte es doch noch einmal für die Geschichtsbücher festhalten. Der Moment, in dem die Ehe für Homosexuelle von der Kanzlerin quasi im Alleingang entschieden wurde, vollzog sich in unserer kleinen Inklusionsstätte am Festungsgraben. Hier bei uns im Gorki saß die Kanzlerin auf einem pinkfarbenem Kunstledersesselchen, das Jackett trug den Farbton kräftige Koralle, und ließ sich von der Zeitschrift „Brigitte“ interviewen.

Ist amüsant, nicht wahr? Dass ein Frauenmagazin im Tante-Hedwig-Style, dessen Kernthema der perfekte Käsekuchen und die perfekte Hose mit dem perfekten Sitz ist, also eine Illustrierte, die unter dem Bann der totalen Vermeidung alles Politischen entsteht, zu einem Gespräch mit der Kanzlerin einlädt. Und zwar an einen Ort, an dem vieles gelesen und gewählt wird, die Brigitte und die CDU jedoch zu den seltenen Hauptinspirationsquellen am Haus zählen, zumindest nicht im affirmativen Sinn. Dass jedenfalls hier an diesem Ort, wo wirklich jeder mit jedem schläft, alle im falschen Körper stecken, falsches Deutsch sprechen und mit falschem Pass eingereist sind, dass in dieser Erstaufnahmeeinrichtung für Verquerte und Verliebte, die konsequent in jeder Inszenierung eine Federboa als Zeichen des Widerstandes im Windkanal der Ventilatoren aufpuscheln lassen, in der sich jeder ein „Macht kaputt was euch heteronormativ macht“ in den Nacken eintätowiert hat, in der Kantinenkollegen Kaffee servieren und dabei „bötteschön, ein Tässchen Dallmayr Pro-Homo“ näseln, dass hier bei uns der konservativen Kanzlerin und Vorsitzenden der Union ein zwar verzwirbeltes, also im original Merkelschen Duktus vorgetragenes Bekenntnis zur Homo-Ehe entlockt wurde? Doch, verehrtes Publikum, das ist amüsant!

Ich mache es kurz. Ich warne jeden nationalkonservativen Bürger in diesem Land: Betretet nicht das Gorki! Die drehen Euch um! Ich versuche mich, so gut es geht, in der Nähe des Deutschen Theaters oder des Berliner Ensembles aufzuhalten, damit ich schön die bleibe, die ich bin: ein einfaches, aber ordentliches Mädchen vom Land, das pünktlich um 21 Uhr zu Hause ist und genau eine Liebesstellung kennt. Nämlich freundliches Nicken.

Eine letzte Frage noch. Vielleicht die deutscheste aller Fragen. Darf man, wenn die „Ehe für Alle“ im Gesetz festgeschrieben ist, Witze über Homosexuelle machen? Darf man? Darf man? Gibt ja Leute in diesem Land, die wie ein Hund leiden, weil die Meinungsfreiheit unter der Herrschaft der political correctness erstickt wurde. Wir haben im Haus eine Sitzung („Schwule-Scherz-AG“) einberufen und beschlossen, dass wir im Tausch für jedes Bürgerecht, das eine unterprivilegierte Randgruppe erhält, einen Witz aus unserer Geiselhaft entlassen:

Zwei Tunten geraten unverschuldet in einen Autounfall.

Eine Tunte steigt aus, um mit dem Schuldigen zu verhandeln.

Schuldiger: „Ich zahl dir 1.000 € wenn du nicht die Bullen rufst!“

Tunte: „Waltraud, ruf die Polizei!“

Schuldiger: „5.000 €!“

Tunte: „Waltraud, ruf die Polizei!“

Schuldiger: „Mein letztes Wort: 10.000 €!“

Tunte: „Waltraud, ruf die Polizei!“

Schuldiger: „Wisst ihr was? Leckt mich doch am Arsch!“

Tunte: „Waltraud, er will verhandeln!“

In meiner letzten Kolumne habe ich verpasst, folgendes zu erwähnen. Ich war für mehrere Monate unpässlich und konnte nicht schreiben. In dieser Zeit sprang der andere große Theaterkolumnist dieses Landes für mich ein: Hartmut El Kurdi. Sie erinnern sich, er ist derjenige, der das Gleiche wie ich, allerdings für das Schauspiel Hannover macht. Mein Nachwuchs gewissermaßen. Ich fragte ihn, ob er in Vertretung für mich einen Text schreiben könne. Er konnte. Allerdings rang ich ihm zuvor das Versprechen ab, dass er nicht lustiger oder klüger sein dürfe, als ich es sonst bin. Er versprach mir hoch und heilig, sich anständig zu benehmen. Dann las ich seine Vertretungskolumne und drehte schier durch. Er knallte ein Pointenfeuerwerk sondergleichen ab. Nie zuvor schrieb er einen so tollen Text. Seinen eigenen Theaterkolumnenabonnenten mutet er Monat für Monat wesentlich unaufregendere Texte zu.

Ich blieb trotzdem ruhig und gab den Text zur Veröffentlichung frei. Weil ich mir sagte, dass ich mich schließlich vierzehntägig für diese Gemeinde hier abrackere und dass meine Abonnenten sich doch wohl nicht von der Nummer Zwei in dieser Branche blenden lassen würden. Außerdem ist das hier Berlin. Hier wird jeder Neuankömmling mit einem freundlich gemeinten „Zisch ab!“ empfangen. Kaum war sein Text unter der Überschrift „Mely Kiyak fühlt sich nicht“ erschienen, (kann man den hier verlinken?) trudelten die ersten Reaktionen ein.

Was für ein fantastischer Kerl!
Was für ein lustiger Erzähler!
Was für ein charmanter Schreiber!

Nach diesen verheerenden Reaktionen stellten wir die Aktion natürlich sofort ein.

Ich melde mich in zwei Wochen wieder. Vielleicht mit ersten Fotos von unserem Sommerfest. Was wir machen? Was macht wohl eine Horde Ausländer, wenn sie nicht arbeiten muss und einen Garten vor der Tür hat? Ganz genau!! Kanzlerin Merkel wohnt ja gegenüber von unserem Garten. Sie sollte an diesem Tag Fenster und Türen geschlossen halten. Als beim letzten Gelage die Grillkohle ausging, fingen sie an, die Kulissen aus der ersten Spielzeit unter die Hammelspieße zu schieben. Die kennen hier kein Halten, wenn es ums Feiern geht.

Bis bald,
Ihre Mely Kiyak

PS: Gerade lese ich in der FAZ einen Kommentar von Reinhard Müller zur „Ehe für Alle“. Er ist pikiert. Denn die Keimzelle der Gesellschaft sei nicht das Reagenzglas und „am Anfang standen Mann und Frau“. Jemand muss der FAZ mitteilen, dass selbst die seriöse Bibelwissenschaft die Heilige Schrift als Literatur einstuft. Und dass die Reagenzglaskultur zur Kinderzeugung im Wesentlichen von heterosexuellen Ehepaaren genutzt wird. Wahnsinn, wie unterhaltsam das doch noch wird.

Mely Kiyak fühlt sich nicht

Dies ist eine Ersatzkolumne. Die von mir und Ihnen geschätzte Gorki-Theater-Kolumnistin Mely Kiyak ist leider verhindert bzw. derzeit nicht in der Lage, diese Kolumne zu verfassen – und so muss ich ran.

Zunächst einmal zur Frage, warum Frau Kiyak nicht selbst schreibt: Selbstverständlich könnte ich einfach den wahren Grund nennen, aber damit würde ich die ganze Angelegenheit banalisieren. Zumal im Berliner Kolumnistenmilieu so wunderbare Spekulationen über ihren Zustand kursieren: Burnout, akute Psychose, Selbstentzündung, Drogen, Suff, eine Zwillingsschwangerschaft nach einer Behandlung mit ukrainischen Billighormonen, beim Ponyreiten im Zoo vom Haflinger gefallen, eine hartnäckige, über Jahrzehnte den Geist degenerierende Geschlechtskrankheit, die jetzt in die finale Phase eingetreten ist, eine Entführung durch ausländische Geheimdienste, Zwangsheirat, eine geschlechtsangleichende, aber im ersten Anlauf misslungene OP…

Meinen Lieblings-Kolumnen-Nichterscheinungsgrund druckte übrigens die englische Wochenzeitung »The Spectator« am Ende des vergangenen Jahrhunderts jedes Mal, wenn ihr Kolumnist Jeffrey Bernard keinen Text lieferte: »Jeffrey Bernard is unwell«. Kurz, schlicht, informativ. Und alle wussten dann, dass Mr Bernard mal wieder hackedicht in der Ecke lag, weil er zu intensiv für seine Kneipen- und Exzess-Kolumne »Low Life« recherchiert hatte. Diese fehlende Balance zwischen Recherche und Textproduktion war das Lebensdilemma Jeffrey Bernards.

Soweit ich weiß, trinkt Frau Kiyak selten größere Mengen Alkohol. Dennoch sollten wir es hier bei einem »Mely Kiyak fühlt sich nicht« belassen. Das ist schön vage und lässt der Phantasie genügend Raum. Außerdem komme ich dann nicht in die Verlegenheit, davon zu berichten, wie ich sie neulich besuchte, um von ihr die Anweisungen für dieses Kolumnen-Substitut entgegenzunehmen. Sie lag im seidenen Kimono auf ihrer Manufactum-Récamière, blinzelte in die durchs offene Fenster scheinende Sonne und ließ sich von jungen blondierten, androgynen Domestiken in Matrosenanzügen – die sie, wie sie sagte, aus der Frühlingsfrische in Meckpomm mitgebracht hatte – die Fußnägel lackieren. Wirklich krank wirkte sie dabei nicht, aber wer bin ich schon? Hab ich Medizin studiert? Also: Frau Kiyak fühlt sich nicht, basta!

Nun hätte sie tatsächlich jeden anderen Kolumnisten fragen können, für sie einzuspringen, aber aus naheliegenden Gründen fiel ihre Wahl auf mich. Schließlich schreibe ich seit einiger Zeit für das Staatschauspiel Hannover auch eine Theaterkolumne, was aber nicht einfach nur Nachmacherei ist, sondern ein klassisches kapitalistisches Franchise-Unternehmen. So wie Starbucks oder McDonalds: Ich betreibe die Kolumne auf eigene Verantwortung und eigenes Risiko. Das heißt, alle Verluste, die durch juristische Klagen beleidigter Kolumnen-Opfer  – Politiker oder Unterhaltungskünstler, die sich falsch dargestellt fühlen –  entstehen, habe ich selbst zu tragen. Von meinen Gewinnen muss ich jedoch einen nicht unbeträchtlichen Prozentsatz an die Lizenzgeberin, die Firma »Kiyak Inc. « abführen. Außerdem ist es Bestandteil des Franchise-Vertrages, dass ich bei krankheitsbedingter Verhinderung Frau Kiyaks an ihrer beziehungsweise an dieser Stelle einspringen muss. So, here I am.

Apropos gerne mal beleidigte Politiker: Vor einigen Tagen postete der grüne Tübinger Bürgermeister Boris Palmer auf Facebook ein Foto von einigen dunkelhaarigen, jungen Männern, die auf einem Bahnsteig sitzen. Und die – das unterstelle ich mal – nicht gefragt wurden, ob sie zu diesem Zwecke fotografiert werden wollten. Dazu folgender Text: »Sigmaringen. Bahnhof. Fünf junge Männer. Offensiver Auftritt. Kontrolle im Zug: Keiner hat einen Fahrschein. Zugfahrten haben sich verändert in den letzten Jahren. Ist es rassistisch, das zu beschreiben? Ist es fremdenfeindlich, sich dabei unwohl zu fühlen?«

Nun ist nichts dagegen zu sagen, dass Herr Palmer sich unwohl fühlt. Dass darf er. Genauso wie Herr de Maizière sich wünschen darf, in einem Land zu leben, in dem »aufgeklärte Patrioten« sich bei jeder Gelegenheit die Hand geben, dabei keine Burka tragen und die NATO dufte finden. Bloß was geht mich das alles an? Warum müssen mich Politiker mit ihren privaten Vorlieben, Neigungen, Ängsten und Wahnvorstellungen belästigen? »Kaum ein Land ist so geprägt von Kultur und Philosophie wie Deutschland«  – auch das eine Aussage des Innenministers. Das kann man denken. Klar, warum nicht. Ist zwar Quatsch, aber egal. Deutschland ist nämlich genauso von Kultur und Philosophie geprägt wie von Flachsinn, Gewalt und Borniertheit – wie die meisten anderen Nationen auch. Sicher, mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Goethe, Büchner, Schopenhauer, Hitler, Helene Fischer und Heidi Klum –  das ist Deutschland. Molière, Voltaire, Napoleon, Le Pen, Louis de Funès, Plastic Bertrand – das ist Frankreich. Aber selbst wenn man das in diesem Sinne richtig stellt: Haben solche Aussagen irgendeine Bedeutung? Im November regnet es öfter mal.

Doch zurück zu Palmer. Bei den südländisch aussehenden jungen Männern in der Deutschen Bahn fällt dem grünen »Querdenker« (Reutlinger Generalanzeiger) also Folgendes auf: »offensives Auftreten«, »keine Fahrkarte« und ein raunendes »Zugfahrten haben sich verändert in den letzten Jahren«. Und sein eigenes Unbehagen an dieser Situation. Wenn man junge südländisch aussehende Männer – unabhängig davon, welche Nationalität sie haben – fragt, was ihnen zum Thema Bahnfahren einfällt, dann hört man vor allem Geschichten von grundlosen, schikanösen Kontrollen durch die Bundespolizei. Der Fachbegriff lautet »racial profiling«. Aber so etwas kennt Palmer nicht. Selbst wenn er es kennte, es interessierte ihn nicht.

Wenn man als Politiker vor allem damit beschäftigt ist, die rassistischen Vorurteile seiner Wähler zu verstehen, statt ihnen zu widersprechen, hat man schlicht keine Zeit für die Lebensrealität von Leuten, die entweder gar nicht wählen dürfen – oder aus guten Gründen einen wie Palmer nicht wählen wollen. Sich mit diesen Menschen zu befassen, wäre vergebene Liebesmüh. Somit ist aus der Sicht des Tübinger »Grünen-Rebells« (Pfälzischer Merkur, Hersfelder Zeitung, Hessisch-Niedersächsische Allgemeine, Rotenburger Rundschau, Chiemgau24, Saarbrücker Zeitung etc.pp.) die beabsichtigte oder versehentlich-ignorante Reproduktion von rassistischen Stereotypen mit Hilfe solcher Postings durch und durch schlüssig. Gut, wenn sich die Dinge am Ende doch zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Das beruhigt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Schwarzfahren, Grün-Wählen oder Blau-Saufen. Je nachdem, was Ihnen so gefällt. Und immer dran denken: Sie sind Deutschland. So oder so.

Und freuen Sie sich beim nächsten Mal wieder auf die Theaterkolumnistin Ihres Vertrauens, Mely Kiyak.

i.A. Hartmut El Kurdi

PS: Der verstörendste Kommentar zu de Maizières Thesen stammt übrigens von F.J. Wagner. In seiner atemberaubend wirren, fast dadaistischen und bewusstseinserweiternden, um nicht zu sagen: psychedelischen BILD-Kolumne »Post von Wagner« bezeichnet er die Forderung des Innenministers nach einer Leitkultur als altmodisch. Seine Kritik gipfelt in dem Satz: »Unsere deutsche Leitkultur muss eine Helf-Kultur werden.« Helf-Kultur! Man staunt, was doch so alles möglich ist mit der deutschen Sprache…

Referendum – Chia-Samen auf Simit

von Mely Kiyak

In zwei Wochen wird über das Verfassungsreferendum in der Türkei abgestimmt. Ist jemandem bekannt, ob Wahlbeobachter der OECD da sein werden? Angeblich wurde die Geburtswoche des Propheten Mohammed, die von Sunniten feierlich begangen wird, der Abstimmung wegen um einen Tag vorverlegt. Falls das stimmt, why not? Jetzt ist der Prophet bereits Hunderte von Jahren alt, wird er halt noch einen Tag älter gemacht. Praktisch sind sie ja, diese Sunniten. Zwei religiöse Zeremonien an einem Tag verkraftet der Orthodoxe nicht.

In ausnahmslos jeder deutschen Talkshow zum Thema Türkei-Referendum sitzen Lobbyisten der AKP. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit sitzen dort aber nicht Mitglieder der kurdischen, alevitischen, armenischen, yesidischen oder sozialdemokratischen Parteien, Vereine und Organisationen. Die AKP-Lobbyisten, die in Europa „Union Europäisch-Türkischer Demokraten“ heißen, kurz UETD, haben offenbar ein Abonnement bei Anne Will & Co.

Einmal war Markus Söder, Mitglied der CSU, zu Gast bei Maybrit Illner, zusammen mit einem ehemaligen HDP-Abgeordneten (das einzige Mal, dass ein Oppositioneller etwas sagen durfte) und war sechzig Minuten lang genervt und stöhnte laut auf und schüttelte den Kopf und rollte mit den Augen. Sein Vorwurf: Geht’s jetzt um die Feinheiten der türkischen Verfassung, oder was?

Das muss man auch erst einmal verkraften. Dass jemandem sein Wissen vorgeworfen wird. Da fällt mir ein, wie mir Günther Jauch vor seiner Talkshow einmal ins Ohr flüsterte: Wir wissen, dass Sie viel wissen. Aber bitte behalten Sie es für sich! Sonst überfordern Sie den Zuschauer.

Die Sendung habe ich ohnehin ungut in Erinnerung. Ich saß in der Maske. Es war noch Farbe von Wolfgang Bosbachs letztem Auftritt im Airbrush. Die Maskenbildnerin bot mir an, dass sie mich damit einsprüht, weil unser Teint sich angeblich ähneln würde. Ich weigerte mich und zur Strafe bepinselte sie mich mit weißer Wandfarbe. Mit dem Rest von Bosbachs Teint wurde der damalige Innenminister Hans-Peter Friedrich bestäubt.

Mittlerweile gehe ich, wie viele andere Kolleginnen auch, nicht mehr ins deutsche Fernsehen. Die politische Bildung der Fernsehredaktionen ist verheerend und das Gesprächsniveau dementsprechend. Es hat keinen Zweck. Schon mal aufgefallen, dass Frauen wie Hilal Sezgin, Katajun Amirpur oder Naika Foroutan nicht mehr mitdiskutieren?

Bei dem Referendum in der Türkei geht es um die Änderung von 18 Artikeln. Sie hätte Hunderte von Folgen. Dadurch würde sich nicht nur die Justiz ändern, sondern auch die Zusammensetzung des Parlaments, die Zahl der Sitze, die Diskussionskultur. Das Blockieren von Gesetzesvorhaben würde legislativ legitimiert. Das ist eine staatsrechtlich äußerst diffizile Angelegenheit, die in deutschsprachigen Medien nirgends en Détail erläutert wird. Schade, oder? Wo wir doch alphabetisiert sind. Und seit Jahren jede Woche über die Türkei diskutiert wird.

In Deutschland erörtert man lieber, ob die Türken hier des Referendums wegen zerstritten sind.

Das Referendum ist aber keine Scheidung, bei der anschließend traurige Kinder zurück bleiben. Es geht um Menschenrechte wie Partizipation, politisches Mitspracherecht und demokratische Interessensvertreter.

Nur ein Beispiel: Seit der Republikgründung wurde die Türkei ungefähr die Hälfte ihrer Zeit im Ausnahmezustand regiert. Im Ausnahmezustand wie derzeit kann die Türkei nur für eine begrenzte Zeit per Dekret regiert werden. Danach muss sie zur parlamentarischen Demokratie zurückkehren. Wenn das Amt des Ministerpräsidenten mit dem des Staatschefs zusammengelegt wird, kann der künftige Präsident der Türkei stets per Dekret regieren. Und ja, die Abstimmung darüber ist legal und demokratisch. Die Abschaffung der parlamentarischen Demokratie würde auf legalem Weg zustande kommen. Allerdings sind zuvor die Parteien, die das hätten verhindern können und die legal und demokratisch ins Parlament gewählt wurden kriminalisiert und rausgeworfen worden. Siehe: Dekret und Ausnahmezustand.

Es gibt eine seit Jahrzehnten widerständige und vitale Opposition in der Türkei. Darunter befinden sich Politiker, Menschenrechtsaktivisten, Flüchtlingshelfer, Terrorexperten, Schriftsteller, Journalisten, Ärzte, Sanitäter, Lehrer, Künstler, Architekten.

Diese Leute erzählen uns in ihren Büchern, Essays, Vorträgen, dass im Osten der Türkei ein Krieg herrsche, der vor allem einen Zweck verfolgt: Die Vernichtung der kurdischen Identität. Diese Kriege, die in der Türkei immer wieder geführt wurden, bringen nachwachsende Generationen von Widerständlern hervor, die sich mit weiteren Kurden entlang der Grenzen zu Syrien, Irak und Iran vernetzen.

Deshalb wird im Süden des Landes eine Mauer gebaut, die die Autonomiebestrebungen der dortigen Kurden ersticken und ihnen den Zugang zur Türkei versperren soll. Die Hälfte der über 500 Kilometer langen Mauer ist schon fertig gebaut. Die Taktik zuvor war übrigens, Islamisten dort ansiedeln zu lassen, die das „Problem“ lösen. Das alles wie  immer mit Waffen aus Deutschland. Das ist traditionell so. Dass Deutschland am Krieg gegen Kurden verdient.

Nach dem Referendum wird es nie wieder eine parlamentarische Opposition geben können, die Untersuchungsausschüsse fordert oder Menschenrechtsverletzungen anprangert und Rechenschaft von der eigenen Regierung fordern kann.

Wann immer es möglich war, haben Kurden für ein parlamentarisches Mitspracherecht in Parteien oder mit Direktmandaten gekämpft. Immer, ausnahmslos immer, nahm man ihnen die Immunität.

Lobbyisten aus der völkisch-rassistischen Bewegung wie der UETD finden das Referendum prima. Was sind „Europäische Türken“ eigentlich? In meiner Welt gibt es nur Staatsbürger. Welche Staatsbürgerschaft hat ein europäischer Türke? Oder gilt, einmal Türke, immer Türke – wegen Blut und Abstammung, oder warum?

Warum werden sie nie gefragt: Sag mal Europäischer Türke, warum gibt es denn seit Jahrzehnten kurdische Parteien und Widerstandsgruppen quer durch alle Bevölkerungsschichten und Milieus? Weil die kurdischsprachige Bevölkerung nicht weiß, womit sie ihren Tag herum bekommen soll?

Warum sitzen nicht jene Rechtsanwälte in ARD und ZDF, die Menschen vertreten, die seit Recep Tayyip Erdoğans Machtübernahme in Gefängnissen sitzen? Noch nie in der Geschichte der Türkei saßen so viele Menschen unter Terrorverdacht ein, wie zur Zeit der AKP-Regierung. Nicht einmal nach dem Putsch 1980 gab es so viele Inhaftierte. Die Rechtsanwälte könnten aus den Gefängnissen berichten. Von massiven Foltermethoden gegen Kinder, Frauen und Männer. Menschenrechtsaktivisten aus der Türkei und Europa können sehr detailliert über sexuellen Missbrauch, Schläge, Schlafentzug, Folter an Genitalien und anderes schildern.

Stattdessen nehmen deutsch-türkische Feministinnen in Talkshows teil und rühren das Referendum mit unterdrückten Frauen und Kopftüchern zusammen und kreieren eine Hello-Kitty-Kemalismus Vision einer guten Türkei.

In der Türkei gab es mal eine feministische Bewegung, die insbesondere auch von Kurdinnen ausging. Diese feministische Bewegung hat es geschafft, um nur ein Beispiel zu nennen, dass Vergewaltigung in der Ehe im türkischen Strafrecht berücksichtigt wird. Noch, muss man wohl ergänzen.

Oppositionelle Kurdinnen in Diyarbakir gehören zu den Pionieren der flächendeckenden Einrichtung von Frauenhäusern in der gesamten Türkei. Dass Führungspositionen in Parteien von Frauen u n d Männern besetzt werden, haben erstmals in der Türkei Parteien eingeführt, die von Kurden gegründet wurden. Diese Frauen, von denen ich spreche, brauchen weder feministische Fürsprecherinnen aus Istanbul, Ankara oder Izmir noch aus Berlin oder Köln. Nie sitzen sie in der Phoenix Runde.

Es geht bei Feminismus in der Türkei nämlich nicht um das Ablegen des Kopftuches sondern um eine selbstbestimmte Sexualität, egal ob verschleiert oder nicht, um Kinderbetreuung, Gewalt in der Ehe, Sexismus, Genderfragen, Stadt-Land-Verhältnis, Gleichberechtigung von Migrantinnen und alles das, was man auch schon aus Europa kennt.

In Deutschland legt man aber Wert darauf, dass die Frauenfrage in der Türkei sich auf Kopftücher reduziert. Das Skandalöse an der neuen Schicht der kopftuchtragenden Akademikerinnen ist nicht ihr Kopftuch, sondern ihr brutales Verständnis von Gesellschaft. Sie wollen eine Art islamisch-sunnitische Bourgeoisie mit eigenen Konzerthäusern, Museen und Shoppingtempeln, sie wollen Chanel, Chopin und Selfies vor romantischen Sonnenaufgängen im Ramadan. Die Mittel- und Oberschicht in ihren gentrifizierten gated communities hält sich Kindermädchen und Putzfrauen wie Sklavinnen. In der Türkei werden Tausende von syrischen Frauen zudem zur Sexarbeit gezwungen. An die Stelle der ausgebeuteten kurdischen Binnenmigrantinnen aus dem Osten sind die Yesidinnen und Syrerinnen getreten.

Man könnte die Liste dieser Anmerkungen seitenlang, tagelang so fortführen.

Ich möchte nur zwei Zahlen nennen.

Wenn wir über die Türkei sprechen, dann sprechen wir über eine Bevölkerungsgröße von 75 Millionen Staatsbürgern. Schätzungen gehen von ungefähr einem Viertel Aleviten aus. Eine sehr große Minderheit. Ihre heilige Schrift ist nicht der Koran und sie beten nicht in einer Moschee. Sie wählen nicht die AKP. Die Situation der Aleviten taucht in den deutschen Diskussionen gar nicht auf.

Wenigstens ein weiteres Fünftel der Türkei besteht aus Kurden. Die Menschenrechtssituation der ostanatolischen Bevölkerung spielt in den Diskussionen ebenfalls keine Rolle. Wie kann das bloß sein?

Die AKP oder UETD erzählt gerne, dass in ihren Reihen auch Kurden wären. Dabei handelt es sich allenfalls um sunnitische Kurden. Man trifft sich mit sunnitischen Türken zum Freitagsgebet und definiert die Gemeinsamkeit über die Religionszugehörigkeit, nicht über die Ethnie. Sollte ein sunnitischer Kurde für alevitischen Religionsunterricht an der türkischen Schule sein, kann er gleich sein Parteibuch abgeben.

Wir kennen dieses Assimilierungsphänomen aus Deutschland sehr gut. Es gibt Migranten, die die Menschenrechtslage der Minderheiten in der Türkei beklagen und gleichzeitig in Deutschland Rassismus gegen Muslime betreiben.

Man darf Muslime nicht bekämpfen. Das ist undemokratisch. Sie sollen beten, soviel sie wollen und mit Kopftüchern an der Universität studieren, forschen und lehren und die Bärte der Männer können von mir aus die Bürgersteige sauber fegen. Es ist ihr Recht, sich zu organisieren und die Glaubensinhalte so auszuüben, wie sie es für richtig halten. Von ganz liberal bis superorthodox muss alles drin sein dürfen.

Kritikwürdig ist, dass man in der Türkei nicht Kurdologie studieren kann. Dass keine Lehrstühle für alevitische oder yesidische Theologie erlaubt sind. Dass Wissenschaft immer nur dann gestattet ist, wenn es nicht an tradierten Weltbildern rüttelt.

Es wäre gut, wenn die Koranschulen im Osten wieder durch Grundschulen ersetzt werden würden und Soldaten der türkischen Armee wegen ihrer Kriegsverbrechen an der Bevölkerung in Ostanatolien vor einem Gericht dafür Verantwortung tragen müssten.

Es gibt zu viele Verbote in der Türkei, zu viele Tabus. Eine Gesellschaft, die so lebt, wird immer ein Problem damit haben, ihre Widersprüche in Einklang mit ihren Werten zu bringen. Und sie wird immer ein Problem mit Terrorismus bekommen.

Und trotz strengster Säkularisierungspolitik und der Gegenpolitik der Islamisierung, die sich immer miteinander abwechselten, war die Türkei im Gegensatz zu Deutschland das stets multikulturellere und multireligiösere Land, wo die Kirchenglocken genauso laut ertönten wie der Muezzin.

Und wenn noch tausend Mal die Arenen der AKP-Veranstaltungen in Deutschland gefilmt und Interviews von Erdoğan-Fanatikern eingeholt werden, es bleibt ein Ausschnitt. Ich verstehe deshalb nie, wer mit „Türken in Deutschland“ gemeint ist.
Die deutschsprachigen Publizistenkollegen sollten verstehen, dass in der Türkei nicht nur Türken leben und dass zu den vier Millionen Türkeistämmigen in Deutschland demzufolge auch Kurden, Aleviten, Juden, Christen, Yesiden und Armenier zählen und nicht zu vergessen, die alte türkische Linke, die ebenfalls vor Jahrzehnten nach Deutschland floh.

Den Riss in der türkischsprachigen Community gibt es nicht erst seit der Abstimmung über das Referendum, sondern schon immer.

Einer der vielen Gründe dafür ist auch dieser: Kurden und Oppositionelle wurden in Deutschland vom türkischen Geheimdienst i m m e r bespitzelt. Die Geheimdienstleute wurden unter den Türkischlehrern rekrutiert, unter Mitgliedern der Religionsbehörden, unter Beamten, unter ganz normalen Gastarbeitern. Seit den 1990er Jahren ist das in Deutschland gängige Praxis. Aus dieser Zeit sind Fälle bekannt, wo kurdische Schulkinder von ihren Türkischlehrern an deutschen Schulen über ihre Eltern ausgehorcht wurden.

Wenn Kurden in Deutschland über so etwas berichteten, wurden sie als spinnerte PKK-Mitglieder, Terroristen oder anderweitige Idioten behandelt. Deshalb sollten in Diskussionen über die Türkei nicht nur Menschen mit Meinungen, sondern mit Erfahrungen und – ich wiederhole mich ungerne – mit Wissen gehört werden.

Dass man sie nicht einlädt, schürt einen üblen Verdacht. Sollte jede Talkshow in Deutschland mit einem Mitglied der UETD dazu dienen, die Türkeistämmigen in Deutschland als eine debile Horde von aggressiven Idioten zu zeigen? Wo es hier doch Tausende von Menschen gibt, die seit Jahren und Jahrzehnten für Demokratie und Menschenrechte streiten, im Widerstand sind und beiden Gesellschaften, der deutschen wie der türkischen, einen Riesendienst erweisen. Darunter sind auch türkische Linke aus der Westtürkei.

Sie nicht zu beachten, sie nicht zu Wort kommen zu lassen, ist genau das, was die AKP und ihre Stellvertreter in der UETD in Deutschland wollen. Nämlich: Die Politik der Entrechtung fortführen und die Stimmen des Widerstandes nicht hörbar machen.

Ich beobachte seit zwei Jahren sehr intensiv die Besetzung dieser Gesprächsrunden und stelle fest, dass die AKP mit Hilfe der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland ihre politischen Inhalte schön gemütlich bewirbt.

Sie bräuchte für Wahlkampfveranstaltungen eigentlich kein Geld mehr ausgeben, wo es ohnehin nur darum geht, zu osmanisch angehauchter Operettenmusik ekstatisch zu klatschen und in Trance für den Führer zu fallen. Um Politik geht es da genauso wenig wie es in einem Megagottesdienst um die Bibel geht. Es geht um Zusammenhalt. Wie evangelischer Kirchentag – nur mit deutlich mehr Eyeliner.

Hätten alle Türken in Deutschland ein Wahlrecht, wären sie nicht so fixiert auf Türkeipolitik. Ich sage immer, wenn man Menschen keine Bürgerrechte gibt, machen sie schrille Sachen.

Auch die Art wie über die Gülen-Bewegung gesprochen wird, hat sich im deutschen Diskurs sehr gewandelt. Man behandelt sie, als wären die Gülenisten eine verfolgte Menschenrechtsorganisation. Sie sind meines Wissens aber immer noch eine gefährliche islamistische Sekte. Nur zur Erinnerung: Bis vor kurzem wollten die AKP und die Gülenisten gemeinsam aus der Türkei ein Boomtown Kalifat mit Börsenumsatzsteuer errichten.

Oder die Sache mit den hochrangigen Offizieren, die in Europa Asyl suchen, weil man sie des Putschversuches bezichtigt. Wenn die Türkei so scharf darauf ist, Kriminelle ausgeliefert zu bekommen, soll sie sich doch um diejenigen islamistischen Brandstifter bemühen, die seit Jahren in Deutschland im politischen Asyl leben. Diese Männer haben vor der Öffentlichkeit 1993 Aleviten in Sivas verbrannt. Das Staatsfernsehen hatte das Spektakel damals stundenlang übertragen. Die Leute, die das gemacht haben, leben jetzt gemütlich in Berlin und Köln. Möchte die Türkei sie vielleicht jetzt zurückhaben? Wo sie doch immer ihre Rechtsstaatlichkeit so betont.

Ich wünsche mir für die Türkei, dass ein bärtiger Sunnite, der Sultan Yavuz Selim [1] in der Türkei verehrt, mit einem alevitischen Kurden, der Abdullah Öcalan [2] verehrt, eine schöne schwule [3] Hochzeit feiern darf und dass das Paar armenische Kinder adoptiert, die zum Judentum konvertieren und morgens auf ihre glutenfreien Simit [4] Chia-Samen [5] streuen.

Mit dieser grazilen Vision endend, möchte ich darauf aufmerksam machen, dass das Referendum in der Türkei und die Auferstehung Jesu Christi auf denselben Tag fallen.

Wenn der Geburtstag des Propheten Mohammed einen Tag später gefeiert werden kann, hätte man auch Ostersonntag verschieben sollen. Es müsste doch reichen, wenn am 16. April nur ein Gott in Erscheinung tritt, oder denkt jemand anders darüber?

Mely Kiyak

Aus der Mitte entspringt ein Scheiß

von Mely Kiyak

 

AfD-Vorstand will Höcke rauswerfen! Konnte man als Überschrift vergangene Woche in vielen Medien lesen. Über so etwas habe ich mich früher wirklich kaputtgelacht. Wenn Nazis sich untereinander nicht mehr verstehen, weil einige von ihnen zu sehr nach rechts abdriften, … diesen Satz muss ich nicht wirklich zu Ende ausführen, oder?

Hintergrund der Meldung ist, dass AfD-Landeschef Björn Höcke in Dresden eine Rede hielt, in der er das Holocaust-Mahnmal denunzierte. Die Deutschen seien das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande ins Herz der Hauptstadt gepflanzt habe.

Ich erlaube mir zu korrigieren. Wir haben uns sogar zwei Mahnmale ins Herz der Hauptstadt gepflanzt. Denn neben dem Denkmal für die ermordeten Juden in Europa steht nur weniger Meter entfernt die Gedenkstätte in Erinnerung an die ermordeten Sinti und Roma während der Naziherrschaft.

Es wurden 6 Millionen Juden getötet. Außerdem Sinti, Roma, Behinderte, Homosexuelle, sogenannte Asoziale und Oppositionelle. Anzahl und Größe der Denkmäler wirken im Angesicht dieser Opferzahlen doch recht bescheiden.

Nun tut die AfD-Spitze so, als wäre das Maß mit Höckes Bemerkung voll. Was natürlich Blödsinn ist. Das Maß ist nicht voll. Aber Frauke Petry hat angesichts von Höckes Popularität Todesängste. Wenn der rechtsextreme Flügel den Laden übernimmt, werden die gemäßigten Rechtsradikalen wie Petry und ihr Ehemann Markus Pretzell entmachtet. Petry und Pretzell (zur Clique gehören noch Armin Hampel und Beatrix von Storch) wollen als eine Art tweedpiefige CDU wahrgenommen werden. Der rechtsextreme Teil der AfD, genannt Flügel, will hingegen etwas total anderes.

Konservatismus, Liberalismus, alles wurscht, „über allem steht Deutschland“, wie es Hans Thomas Tillschneider, der zum Flügel gehört, in einer Rede formulierte:
Unsere Gesinnung gehört zu dem, was wir ablegen können. Deutsche sind wir aber nicht von der Gesinnung her, Deutsche sind wir und wir geben die Einheit der Nation für keinen Gesinnungsstreit dieser Welt preis.

In diesen Sätzen steckt bereits das ganze Konzept und dieses Konzept lässt parteipolitischen Streit über Ausrichtungen und Nuancen nicht zu. Wenn über allem Deutschland steht, dann muss das Deutsche natürlich in schönem Glanze strahlen und mit Holocaust-Mahnmalen kriegste diesen Glow nicht hin.

Wenn die Petry nun ihre Betroffenheit angesichts der Höckeschen Rede zum Ausdruck bringt, dann ist das deshalb verlogen, weil sie vor ziemlich genau einem Jahr fast selber rausgeflogen wäre. Mit roten Bäckchen schlug sie aufgeregt ob ihrer originellen Idee vor, dass man die Flüchtlinge doch auch einfach erschießen könne.

Flüchtlinge erschießen, das war sogar der NPD zu fett. Jürgen Schützinger, damaliger Landeschef der NPD in Baden-Württemberg war entsetzt und erschrocken und distanzierte sich von der AfD. Er veröffentlichte eine Stellungnahme, in der die NPD von „diesem obskuren Ansinnen“ Abstand nahm, denn das Erschießen von Flüchtlingen entspräche nicht dem „nationaldemokratischen Humanitätsbild“.

Man muss die NPD wirklich in Schutz nehmen. Sie war stets dafür, dass Ausländer rausfliegen, aber auf fliegenden Teppichen. So konnte man es auf den Plakaten sehen. Die abgeschobenen schnauzbärtigen Passagiere saßen ordentlich auf Teppichen und flogen hoch in die Lüfte. Auf anderen Plakaten las man als Wahlversprechen „Gas geben“. Bei Erschießen hört die nationaldemokratische Humanität aber wirklich auf.

Frauke Petry musste um ihr politisches Überleben kämpfen und bekam Beistand von Beatrix von Storch. Als der Druck zu groß wurde, ruderten beide zurück. Petry sagte, sie habe nie von Erschießen gesprochen, sondern lediglich vom Schusswaffengebrauch. Von Storch wiederum war unglücklich auf der Computermaus ausgerutscht. Dann kam die Idee, das Wort „völkisch“ zu rehabilitieren. Und so weiter und so fort…

Ich lache nicht mehr. Über nichts von alledem. Ich frage mich, wann der richtige Zeitpunkt für Widerstand ist. In jeder Gesellschaft gibt es einen Punkt, an dem Umkehr nicht mehr möglich ist. Wenn jetzt schon innerhalb einer rechtsextremen Partei darüber gestritten wird, ob einer rausfliegt, weil er inakzeptabel ist und ein Großteil der Medien darüber diskutiert, ob dieser Eine problematisch ist, dann stimmt etwas nicht. Denn dann ist man auf diese Spielchen reingefallen.

Ich habe keine Lust mehr mir Gedanken darüber zu machen, ob die AfD in Teilen nationalkonservativ oder –liberal, rechtsextrem oder lediglich rechtspopulistisch ist. Auch die Frage, ob nun alle oder nur ein Teil der Anhänger rechtsextrem sind ist unerheblich. Waren alle NSDAP-Mitglieder mit dem gesamten Programm einverstanden? Gab es nicht auch in der SS Männer, die Skrupel hatten? Spielt das eine Rolle? Ich denke nicht.

Die AfD ist nationalistisch und faschistisch. Vor drei Jahren hatte sie ihren Gründungsparteitag. Es gibt aus dieser Zeit AfD-Papiere aus Bayern und Berlin, in denen die Partei versichert, weder rechts noch links zu sein, sich weder gegen Minderheiten noch Homosexuelle zu wenden und dass sie Antisemitismus ablehne.

Drei Jahre ist das her, seitdem sind wir jeden Tag damit beschäftigt, wie Detektive Quellen und Originalzitate zu veröffentlichen, die das Gegenteil beweisen. Seit über 1000 Tagen am Stück machen wir Publizisten kaum noch etwas anderes.

Wenn ich in mein privates Umfeld gucke, die Künstlerkollegen, Schriftsteller, die Leute, mit denen ich zu tun habe, sie sind alle müde von diesem Mist. Sie leben in der Hoffnung, dass alles vorübergehen wird. Doch wir alle wissen, das wird es nicht. Nicht so lange wir Deutsche – Deutsche nicht im Sinne von diesem oben erwähnten Hans Thomas Tillschneider, sondern Deutsche im Sinne des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland – uns nicht auseinander setzen mit uns.

Wenn ein Land die Welt in Schutt und Asche legt und Millionen Menschen in Öfen steckt und diese Vorgänge aufarbeitet, wirklich aufarbeitet, akribisch, pedantisch, bis ins letzte Detail und keine paar Jahrzehnte später wieder gegen diesen alten Müll kämpft, dann stimmt doch was in unserer Struktur nicht. In der Art, wie wir miteinander leben, wie wir sprechen, wie und worüber wir streiten.

Aus unserer Mitte ist dieser Scheiß entsprungen. Nicht von außen, nicht von den Rändern, nicht gesteuert aus dem Ausland. Ausgerechnet aus unserer deutschen Mitte! Waren die Mahnmale doch zu mickrig? Waren doch nicht alle mit dem Herzen dabei, als gedacht, erinnert und geweint wurde? Oder ist das einfach so? Dass egal wie monströs die Vergangenheit einmal war, eine Zeit kommt, in der das egal wird? Egal werden muss, um einfach wieder beginnen zu können. Darüber würde ich gerne mehr reden, schreiben, doch vor allem nachdenken.

Ihre Mely Kiyak

Männer, wo kochen

geschrieben von  „R-fy „

Ich habe eben nach einem Zettel gesucht, auf dem uns unsere Freundin ein Rezept für „Rote Linsen-Suppe“ aufgeschrieben hat. Wir besitzen keine Kochbücher, aber der Mann führt eine Lose-Blatt-Sammlung, die aufgrund ihrer Unscheinbarkeit Platz in einem Serviettenhalter findet.

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Dort sammelt er Fotokopien aus Kochbüchern, die seine Firma im Discount-Segment vertreibt.

Zettel Nummer eins war ein Rezept für Kartoffelsuppe mit Würstchen.

Ich bin nahe dran, ihn aus dem Bett zu holen und ihn zu fragen, ob er dieses Rezept wirklich braucht.

Dabei fiel mir eine meiner unzähligen Umzugs- Hilfsaktionen ein. Mensch ist ja damals im ummauerten Westberlin  von einer Bruchbude in die nächste gezogen. Ich habe mich immer nur fürs Zusammenpacken gemeldet, das hat meinen neugierigen Trieb befriedigt. Die Jungs sind damals immer mit haufenweise Trödel und Ratgebern ihrer Mütter umgezogen.

Mütter größtenteils ansässig in W.- Deutschland, Söhne zu 95% Zugezogene in Berlin – wegen Vermeidung von Wehrpflicht. Es gab eigentlich überhaupt gar keine männlichen Westberliner. Außer in Spandau und in Wilmersdorf.

Bei einer meiner Einpack-Aktionen fand ich ein solches Muttibuch: „Kochen für Junggesellen“.

Da wurde auf DIN A4 die Zubereitung eines Kochbeutels Reis beschrieben.

Das war vor der Zeit, in denen männliche Yuppies Messer-Blöcke (Zeder!!!)  bei Manufactum gekauft haben.

Das Rezept für Kartoffelsuppe mit Würstchen werde ich entsorgen: Das ist mein Niveau von Kochen und sowas kann ich auswendig. Deshalb muss es aber nicht schmecken…

Da ich seit Jahren die Anzahl genießbarer Gemüse immer weiter und radikal einschränke (alle Kohlsorten, gegarte Zucchini, Aubergine…)

hat er mal Kartoffelrezepte kopiert. Kartoffeln sind voll oK.

Der Mann kocht sehr eigen – aber hervorragend. Und immer meine Gesundheit im Blick.

 

Das Junggesellenkochbuch habe ich dem damaligen Jungen abzuschwatzen versucht.

Ging natürlich nicht, war ja ein Geschenk von Mutti.

 

Wenn die Mütter in den 80er Jahren nach Westberlin eingereist sind, um ihre Söhne und mich zu treffen, war das auch immer sehr erheiternd.

Diese stolzplatzenden Blicke auf ihren eingeborenen Sohn. Ist das immer noch so?

Eine hat mich mal beim Essen gefragt, ob ich dem Sohn nicht mal den Mitesser im Ohr ausdrücken könnte.

Das war eine sehr kurze Beziehung…

Anis Amris Uhr, Anis Amris Unterhose, Anis Amris Diesunddas

von Mely Kiyak

Ich schwor niemals wieder Nachrichten zu lesen, in denen die Worte „Verfassungsschutz“ und „LKA“ vorkommen. Es bringt einfach nichts. Denn da, wo Licht ins Dunkel gebracht werden soll – was doch zur Hauptaufgabe einer Sicherheitsbehörde zählt – bleibt es in Deutschland bisweilen düster. Das hab ich aus dem Fall NSU gelernt. Wann immer  die deutsche Polizei mit Terrorismus zu tun hat, beschleicht einen das Gefühl, dass man es mit einer Paralleljustiz in einer Parallelgesellschaft zu tun hat.

Ich berichtete eine ganze Zeit über die Aufarbeitung des NSU. Ich habe damit aufgehört. Aus vielerlei Gründen. Weil man, um nur ein Beispiel zu nennen, nicht seriös arbeiten konnte. Fehlende Transparenz führte dazu, dass man sich unwillentlich zum Handlanger der Vertuscher und Mauschler macht. Man kann ja nicht selbst ermitteln, sondern muss sich auf Erkenntnisse stützen. Was aber, wenn sich „Erkenntnisse“ als manipulierte Informationen herausstellen? Immer zu. In einem fort.

Die PR-Agentur der deutschen Sicherheitsbehörden ist übrigens der Innenausschuss. Wenn der Innenausschuss tagt, heißt es anschließend immer, dass in den Behörden alles tipptopp läuft.

Verfassungsschutz, BKA, die verschiedenen Landeskriminalämter sind undurchsichtige Behörden mit eigenen Herrschern, politischen Interessen und Verstrickungen. Das war ja das Horrende am NSU-Bundestagsuntersuchungsausschuss. Dass das Kontrollgremium nicht untersuchen konnte, weil immer irgendwer den Schredder anwarf, sobald es interessant wurde. Irgendwann wurde der Begriff „Eigenleben“ für die dubiosen Machenschaften der Sicherheitsbehörden erfunden. Eigenleben klingt fast elegant, oder? Ich schloss mit dem Kapitel ab.

Dann fuhr ein LKW in einen Berliner Weihnachtsmarkt und ich verfolgte mit halbem Auge die Nachrichtenlage. Und dachte: Mannometer, das kommt einem doch alles wieder bekannt vor.

Auf dem Breitscheidplatz also fährt ein Lastwagen in die Menge. Es sterben Menschen. Dann läuft irgendwer einem Ausländer nach, der sich durch Wegrennen verdächtig macht. Dieser Jemand wird festgenommen und stellt sich als Pakistaner heraus, der in der Berliner Massenunterkunft Tempelhofer Hangar wohnt. Eine Hundertschaft stürmt am nächsten Tag den Hangar und befragt vier Afghanen. Warum man eine Hundertschaft braucht, um sich in der Unterkunft ein wenig umzuhören, erschließt sich einem nicht. Braucht es auch nicht. Die Stürmung soll heißen: Ermittlung läuft auf Hochtouren!

Der Pakistaner jedenfalls bestreitet die Tat. Dann – erst dann – kommt irgendwer auf die Idee und sichert Fingerabdrücke im LKW. Vergleicht sie mit dem des Pakistaners, Ergebnis negativ. Das Wegrennen stellt sich im Nachhinein als Hinrennen zur U-Bahn heraus. Angeblich. In welcher Sprache die Vernehmungen stattfanden, weiß man nicht. Vernehmer und Verdächtiger sprachen nicht die gleiche Sprache. In den deutschen Medien wird berichtet, dass der Pakistaner wegen Sexualdelikten aktenkundig sei. Aus den englischen Medien hört man, dass der Pakistaner sich über Misshandlungen in der U-Haft beklagt habe. Dabei wäre es eine journalistischere Haltung gewesen zu sagen: „Wir berichten erst, wenn der Täter gefasst ist!“

Dann denkt irgendwer noch einmal nach und schaut in den LKW. Und findet – Dasgibtsdochnicht!!! Was für ein Ermittlerglück! – die Papiere des Fahrers. Schön aufgeklappt liegt alles da. Also Sachen gibt’s manchmal! Verrückt, oder?

Dann wird tagelang nach dem Besitzer der Papiere gefahndet. Dann die erlösende Meldung. Ein tapferer italienischer Polizist hat Anis Amri in Italien erschossen. Schlauer Kerl! Sofort erkannt und reagiert. Noch aus dem Krankenbett heraus zum Held erklärt. Geht manchmal alles ruckzuck.

In der Zwischenzeit. Anis Amris Bruder. Anis Amris Flüchtlingsstatus. Anis Amris grinst in eine Überwachungskamera. Anis Amri war in dieser Moschee. Nee, doch in einer anderen. Anis Amris Uhr, Anis Amris Unterhose, Anis Amri diesunddas. Wochenlang.

Wie Amri nach Mailand kam, weiß man nicht.

Neue Faktenlage. Amri hatte soundsoviele Identitäten. Woher man das weiß? Weil er lückenlos überwacht wurde. Seit 2015. Angeblich saß er sogar einmal im Auto eines Verfassungsschützers. Blöde Panne, nicht wahr? Sagt man doch, „Panne“, oder? Einmal entwischt und schon einen Anschlag verübt. In der Zwischenzeit dementieren die Sicherheitsbehörden, Amri war kein V-Mann. Ach so? Wurde in der Zwischenzeit der Verdacht geäußert. Von wem?

Wie beim NSU. Wirklich, exakt das gleiche Spiel. Erst ist man erstaunt, dass es ihn gibt. Dann kommt raus, dass man ihn kannte. Dann erfährt man, dass der NSU dummerweise entwischt ist. Dann stellt sich heraus, dass der NSU mit den Sicherheitsbehörden verflochten ist. Dann schnelles Versichern seitens der Behörden, es handele sich bei keinem der NSU-Mitglieder um V-Männer.

In der Zwischenzeit, Berichte über Beate. Beates Katzen. Beates Gymnastikübungen. Beates Kochrezepte. Dann fragt man sich, ob es überhaupt d i e s e r NSU war, der die Leute ermordetet und ob nicht weitere Täter in Betracht kommen. Dummerweise sind die beiden mutmaßlichen Hauptterroristen schon tot. Vor den Augen der Sicherheitsbehörden haben sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im Wohnwagen in die Luft gesprengt.

In Leipzig erhängte sich der mutmaßliche Terrorist Dschaber Al-bakr in seiner Zelle in der U-Haft. Ebenfalls vor den Augen der Justiz. Der Amokläufer aus München tötete sich auch. Vor den Augen der Polizei, die ihn stellte. Der Mann, der in Ansbach im Rucksack eine Bombe mit sich trug, ebenfalls erschossen.

Ist doch schade, dass es kein Terrorist lebend in eine deutsche Gefängniszelle schafft, nicht wahr?

So bleibt stets die offene Frage nach Tatmotiven, Hintergründen, Netzwerken. Sind Böhnhardt und Mundlos der Polizei durch die Lappen gegangen oder gegangen worden? Haben sie sich wirklich selber in die Luft gejagt? Hatte irgendwer in der JVA Leipzig ein besonderes Interesse daran, dass Übersetzer und mutmaßlicher Terrorist nicht mehr zueinander kommen? Hat sich der Mann wirklich selber erhängt? War Anis Amri der Fahrer am Breitscheidplatz? Lagen Amris Papiere tatsächlich versehentlich in der Führerkabine des LKW? Handelt es sich bei dem in Italien erschossenen Mann um den Amokfahrer vom Breitscheidplatz?

Seit dem Bekanntwerden des NSU – aufgedeckt wurde ja bislang kaum etwas – verfestigt sich der Eindruck, dass wir es mit einem seltsamen Sicherheitsapparat zu tun haben. Zu oft ist irgendetwas im Ungleichgewicht. Beim NSU dachte ich immer, dass ganz bald eine Welle der Rücktritte, Scham und Reue folgen würde.

Seinen Sicherheitsbehörden zu misstrauen ist ein katastrophaler Zustand.
Eigentlich gehört sich das nicht. Nicht in einer Demokratie. Denn der Staat ist in allen Bereichen ein Teil von mir. Er agiert in meinem Namen, steht in meinen Diensten, wird von meinen Steuergeldern bezahlt. Als Bürger will ich in Fragen der Sicherheit hinter ihm stehen. Ich will, dass angefangen vom Dorfpolizisten bis hoch zum Präsidenten des BKA oder Verfassungsschutz, trotz aller politischen Differenzen, kein Zweifel daran besteht, dass ich es mit einem integren Apparat zu tun habe. Verzeihung, was für ein romantisches Gefühl.

Ich will das hier nicht als hohlen Verschwörungsmist mit Alufolie auf dem Kopf verstanden wissen. Aber als V-Mann aus dem Bundesamt für Theaterkolumnen macht man sich halt so seine Gedanken.

Mely Kiyak

#WerbtNichtBeiNeorechten

von Mely Kiyak

Als Kreativdirektor Gerald Hensel von der Werbeagentur Scholz & Friends vor einigen Wochen die Kampagne #KeinGeldfürRechts ins Leben rief, tat er eigentlich nichts Außergewöhnliches. Er hatte bloß eine Liste vorgelegt, in der er alle ihm bekannten Medien auflistete, die rechtsextreme Inhalte in Form von Meinungen, Kommentaren und Kolumnen veröffentlichen. Das Geschäft der Neuen Rechten spielt sich ja im Wesentlichen im Meinungsbusiness ab.

In Hensels Liste tauchten Die Achse des Guten, Breitbart.com oder Politically Incorrect auf. Was dann geschah, war vorhersehbar. Hensel machte all das durch, was Autoren, die sich mit diesem Thema kritisch beschäftigen, auch schon erlebt haben. In den genannten und weiteren Blogs gab es eine massive Denunziationskampagne. Er wurde in eine Reihe mit Nationalsozialisten und den „Kauft nicht bei Juden“-Boykotten gestellt, Morddrohungen inklusive, die ganze bekannte Folklore halt. Einfach nur, weil er vorschlug: „Werbt nicht bei Neorechten“.

Auch die Kunden von Scholz & Friends wurden belästigt. Und so hielten es Gerald Hensel und seine Agentur etwa zwei Wochen durch. Hensel verließ seinen Arbeitgeber, betonte aber, dass Scholz & Friends hinter ihm stehe. Die Agentur veröffentlichte wiederum einen Text auf ihrer Homepage, der – nun ja, Rückhalt klingt irgendwie anderes – aber lesen Sie selbst:

Scholz & Friends hat sich die Initiative #keingeldfürrechts nicht ausgedacht und sie auch nicht unterstützt. Sie ist eine Idee von Gerald Hensel, der bei uns seit vielen Jahren einen tollen Job macht. Er ist ein sehr guter Digitalstratege, ein politischer Kopf und Querdenker. Wahrscheinlich gibt es wenige Menschen in unserer Agentur, die sich nicht schon einmal mit Gerald gestritten haben (und nachher wieder vertragen). Gerald hat uns nicht um Erlaubnis gefragt, bevor er seine Initiative gestartet hat. Er hat es aus Überzeugung getan.

Wäre es meine Agentur, hätte ich gesagt: „Eher löse ich hier den Laden auf, als meinen Partner gehen zu lassen. Geschissen auf die Kohle von Opel, FAZ und Montblanc!“ Scholz & Friends hätte rolemodel für eine gesamte Branche werden können, die Tag und Nacht von sich behauptet, total hip, total modern und total international zu sein. Man sollte meinen, dass gerade einer Werbeagentur eine von Rechten losgetretene Diffamierungskampagne nicht aus der Ruhe bringen dürfte, es sei denn, dass man bislang auf dem Mars wohnte und Vorgänge wie media campaigning und social change zum ersten Mal hört. Die Gründer der Agentur sind übrigens CDU-Mitglieder oder ehemalige Redenschreiber von Helmut Kohl gewesen und unter ihren Auftraggebern befand sich eine auffallend große Anzahl von CDU geführten Ministerien und Behörden. So berichtete es der STERN vor vielen Jahren.

Natürlich schaute ich auch nach, wie die Branchenblätter berichteten und sich positionierten. Werbeindustrie, Produktfirmen, Branchendienste und Verlage sind miteinander verbunden und tauchen beim jeweils anderen als Preisträger, Anzeigenkunde, zahlender Kongressteilnehmer, Werbe-, oder Interviewpartner auf. Ich erwartete eine Diskussion über politische Einflussnahme, über Marketingstrategien von rechten Organisationen und ihrer Werbepartner. Da denkt man doch, dass gerade der Werbewirtschaft an der Verteidigung der Demokratie liegen müsste, denn nur dank Gedanken-, Meinungs- und Pressefreiheit können sie auf ihre Plakate drucken, was immer sie wollen. Ich bin manchmal so süß und naiv.

Meldet alle Jubeljahre ein Mitarbeiter einer Werbeagentur zaghaft gesellschaftspolitischen Widerspruch an, verstummen sie in ihren parfümierten Anzügen und Büffellederpantoffeln. Da wird jemand Opfer einer Kampagne. Und wird von seinen Kollegen, die eigentlich Experten in der Kampagnenwirtschaft sind, allein gelassen.

Der aggressive Kapitalismus und seine vielmals verheerende, verstörende, manipulierende und den Intellekt und die Würde des Menschen auf vielerlei Weise beleidigende Werbung, hat den Demokratieverlust gefälligst nicht auch noch zu finanzieren und zu vermarkten. Jeder hat mit seiner Stimme seine Verantwortung in seiner täglichen Arbeit wahrzunehmen. Ich verwarte das auch von Werbeagenturen, Konzernen und Verlagen.

Wie es doch anders geht, zeigten am Ende die Konsumenten. Als Roland Tichy, der Betreiber einer Kommentarplattform namens Tichys Einblick, Herausgeber des börsennotierten Unternehmens Xing AG wurde, gab es zahlreiche Proteste. Mathias Richel, Kreativdirektor der Berliner Social Media Agentur TLGG, veröffentlichte einen Post, in dem er darauf aufmerksam machte, dass Roland Tichy auf seinem Blog rechtsseltsames Zeug veröffentlichte. Er nannte nur e i n Beispiel, nämlich einen Text, in dem Linke als Geisteskranke pathologisiert werden. Dieser eine Beitrag steht beispielhaft für den Charakter einer Reihe von Meinungsbeiträgen, die auf Tichys Blog erscheinen.

Dieses Mal musste nicht derjenige gehen, der sich im Kampf gegen rechtsextreme Strömungen engagierte, sondern derjenige, der sein Geld mit Radikalkram verdiente, nämlich Roland Tichy bei XING. Er entschuldigte sich übrigens für den Text und stellte das Ganze als fürchterliches Versehen hin. Diese Woche allerdings gab er damit an, dass ihm der shitstorm jede Menge neuer Anzeigenkunden für seinen Blog beschert hätte.

Übrigens: jener Text, indem Gerald Hensel als Denunziant, Antisemit, als Kapo beschrieben wird, erschien auf welchem Blog? Richtig, bei Tichys Einblick. Geschrieben hat ihn Henryk M. Broder für Die Achse des Guten. Und wo erschien er außerdem noch? Genau. Auf pi-news.net.

Das meint man, wenn man vom neorechten Netzwerk spricht. Denn nicht jeder will den politischen oder wirtschaftlichen Aufstieg der Rechtsextremen durch Anklicken von Artikeln oder Anzeigen, Besuchen auf Webseiten oder Kauf von Produkten finanzieren. Ich will es jedenfalls nicht.

Ich bin nämlich auch der CEO und Kreativdirektor derjenigen, die keinen Bock auf Nazis haben.

Mely Kiyak

Ruhestörung

von Mely Kiyak

In „Sternstunde Philosophie“ sah ich ein Gespräch zwischen Daniel Barenboim und Barbara Bleisch. Gerne stelle ich die beiden kurz vor.

Daniel Barenboim ist ein Pianist und Dirigent aus Argentinien, aber eigentlich wie alle Musiker ein Weltbürger. Gemeinsam mit Edward Said gründete er das West-Eastern Divan Orchestra und gilt deshalb seit Jahren als Anwärter für den Friedensnobelpreis.

Barbara Bleisch ist Philosophin und die Moderatorin der Philosophiesendung im Schweizer Fernsehen. In meinen Augen die klügste Gesprächsleiterin im deutschsprachigen Mediengeschäft. Sie hat einen messerscharfen Verstand und ist sehr belesen.

Der Musiker und die Philosophin sprachen über Musik. Es ging um Zuhören und Verstehen.

Das fand ich sehr sympathisch. Ich gehörte nie zu jenen Leuten, die klassische Musik auflegten und anfingen zu träumen. Mir gelang die Annäherung an Musik immer nur über Bücher, weil in meiner Erziehung die europäische Klassik keine Rolle spielte. Immer las ich erst über einen Komponisten und hörte anschließend sein Werk. So lernte ich ein Orchesterstück zu entziffern. Hörte ich eine Musik oft genug, gelang es mir das Stück in Gänze zu erfassen und mich nicht mehr nur auf eine Stimme zu konzentrieren. Durch Nachlesen erfuhr ich um die Notwendigkeit von Dissonanz. Dass man erst auflösen kann, wenn man zuvor kompliziertes Chaos stiftete.

Ich vergaß es vielleicht zu erwähnen. Musik ist für mich das höchste, was der Mensch vollbringen konnte.

Regelmäßig verbringe ich abends ein paar Stunden damit Musik zu hören. Nur so gelingt es mir das Geschehen in eine andere Hierarchie umzusortieren. Was mich eben noch erregte und aufwühlte, nervte oder um den Verstand brachte, gerät durch das Hören von Musik in eine neue Ordnung.

Barenboim und Bleicher landeten während ihrer Konversation bei Martin Buber und seinem berühmten Text vom „Ich und Du“. Buber beschäftigte sich als Religionsphilosoph viel mit Orthodoxie und Politik. Unter anderem beschrieb er das Verhältnis vom Ich zu Gott oder vom Ich zum Anderen als dialogisches Prinzip. Erst durch die Existenz des Du wird das Ich zum Ich. Und im Weiterspinnen dieses Prinzips landeten Barenboim und Bleicher irgendwie bei dem Gedanken, dass wenn einer spricht, trotzdem zwei Stimmen existieren, weil auch das Zuhören eine Stimme ist.

Das gefiel mir auch schon wieder so gut. Demnach hätte selbst das Verstummen eine Stimme, nämlich eine ohne Klang aber trotzdem mit Geräusch.

John Cage hatte es in seinem Stück 4’33 vorgeführt. 4 Minuten und 33 Sekunden lang ertönt das Nichtspielen, was etwas anderes ist als gar nichts. Irgendwann, so beschrieb es Cage, hörte er sein Blut rauschen. Als das Stück das erste Mal in New York aufgeführt wurde, kam es zu einem Eklat. Was auch schon wieder komisch ist. Dass die Stille provoziert.

Barenboim erinnerte auch an Hitlers und Stalins Musikbesessenheit. Der eine hörte Wagner, der andere liebte Mozart. Wie das sein kann, dass man mordet und sich dann eine Platte auflegt? Ist kein Widerspruch. Du kannst das Grausamste vollbringen und dich am Herrlichsten laben.

Angeblich fand man neben Stalins Sterbebett eine Aufnahme von Mozarts Klavierkonzert No 20 und No 23 in einer Einspielung von Maria Judina. Spitzfindig wie man ist, hätte man natürlich gerne nachgefragt: „Hey Hitler und Stalin, ohne 60 Millionen Tote in Europa hätten Mozart und Wagner sicher nur halb so schön geklungen, nicht wahr?“ Das verheerende Missverständnis unserer Tage besteht doch übrigens immer noch darin, dass man meint, dass ein Mensch entweder intellektuell und kultiviert sei oder Barbar.

Ich kannte einen jungen verzweifelten Vater, der nie begriff, warum sein Sohn, immer wenn es ruhig und harmonisch wurde, anfing zu randalieren. Er stammelte hilflos: „Aber es war doch gerade alles in Ordnung“. Damals fehlten mir die Worte, aber intuitiv verstand ich das Kind. Auch die Ruhestörung ist ein Stück mit zwei Stimmen.

Da fällt mir noch eine Sexgeschichte ein. Ich kenne einen Mann, der mir folgendes erzählte. Jedes Mal, wenn er sich mit einem Buch oder einer Zeitschrift zurückzieht, um sich für einen Moment von der Welt abzuwenden, kommt seine ansonsten stets widerborstige, zanksüchtige Frau und jammert: „Na toll! Statt zu lesen könntest du mal wieder mit mir schlafen!“ Die Pointe ist natürlich, dass er sich umständlich vom Sofa hochwuchtet und ihr missmutig ins Ehegemach hinterher trottelt. Der Sex selbst ist wohl ein Feuerwerk ohne Explosion.

Und damit, liebe Leserinnen und Leser möchte ich es in dieser letzten Theaterkolumne für dieses Jahr bewenden lassen. Es ist schon wieder so laut und hysterisch draußen, Sie verfolgen es ja alle. Wie heißt es so schön? Das Jahrhundert rückt vor, jeder Einzelne aber fängt doch von vorne an.

Es war wie immer ein großes Vergnügen für Sie zu schreiben.
Wir hören uns im Neuen Jahr. Ich freue mich darauf.
Mein Herz schlägt Hoffnung.

Mely Kiyak

Ruhe auf den billigen Plätzen! Lohn-Ungerechtigkeit, ick gloob es hackt!

von Mely Kiyak

Wir Kulturleute haben durch unseren Beruf ja oft Kontakt mit »Funk und Fernsehen« . Wann immer man dort zu tun hat, fällt auf, dass ein Fernsehformat aus einer Armee von Fleißbienchen besteht, die in allerhand unterschiedlichen Beschäftigungsverhältnissen stecken.

Da gibt es Familienmütter und Familienväter, die seit Jahren fest in einer Sendung eingesetzt und trotzdem wie Studentenaushilfskräfte behandelt werden. Oder die Heerschar von freien Mitarbeitern, die aufgrund ihrer Erfahrung für die gleiche Arbeit in der gleichen Sendung immer wieder eingesetzt, aber nicht fest angestellt sind. Es gibt Kollegen, die haben einen Schreibtisch und eine Telefonnummer, unter der man sie erreichen kann, aber sie sind nicht festes Mitglied der Redaktion, obwohl diese Form der Scheinselbständigkeit verboten ist.

Im Laufe der Zeit gewöhnt man sich daran, dass in den Medien arbeitende Kollegen von ihrer Arbeit nicht gut leben können, dass unbezahlte Überstunden dazu gehören, dass sie in unsicheren Verhältnissen geparkt werden. In der öffentlichen Darstellung  sind sie Teil eines anspruchsvollen Tätigkeitsgebietes, einer journalistischen Elite und gleichzeitig sind sie prekär beschäftigt. Selten hört man diese Kollegen klagen. Weil sie genug Leute kennen, die vergeblich Jahre damit verbringen, in den Medien überhaupt Fuß zu fassen, ganz gleich unter welchen Bedingungen. Also will man nicht jammern.

Letzte Woche ist folgender Fall bekannt geworden. Die Redaktionskollegin Birte Meier, die für das ZDF arbeitet, erfährt, dass sie jahrelang für die gleiche Arbeit sehr viel schlechter bezahlt worden ist als ihr männlicher Kollege. Der steckt es ihr bei seiner Pensionierung. Der Lohnunterschied ist immens. Er soll Netto mehr bekommen haben, als sie Brutto erhielt. So berichtet es eine Prozessbeobachterin der Berliner Zeitung. Ja richtig, Prozess. Das ZDF zog es vor, sich von der Redakteurin lieber verklagen zu lassen, als sich mit ihr zu einigen. Dem Rechtsstreit ging, so wird berichtet, ein jahrelanger Versuch der Kollegin voraus sich außergerichtlich zu einigen.

Das Bemerkenswerte an diesem Fall ist, dass es sich um die Sendung Frontal 21 handelt. Das Fernsehformat hat sich laut Selbstbeschreibung zum Ziel gesetzt auf gesellschaftliche und politische Missstände aufmerksam zu machen. Wörtlich heißt es:

Seit seiner Gründung 2001 beschäftigt sich Frontal21 vor allem mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit, der Lage auf dem Arbeitsmarkt und den überfälligen Reformen im Gesundheits-, Renten- und Bildungssystem.

Wenn man das liest, denkt man, dass ein Sender schon aus Gründen der Unangreifbarkeit ein Interesse daran hat, bei Fragen der sozialen Gerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt sich nicht selbst vor Gericht wiederzufinden. Beschädigt ein solches Verfahren doch alles, wofür man in der Außenwirkung geschätzt und ausgezeichnet wurde. Birte Meier hat zu diesem Prestigegewinn übrigens maßgeblich beigetragen. Ihr letzter, großer Coup war, gemeinsam mit einem Kollegen die »Rent a Sozi« -Story rund um das Thema Parteisponsoring aufgedeckt und in Frontal 21 veröffentlicht zu haben.

Das ZDF entschied sich für einen anderen Weg. Den des Vergleiches. Die Redakteurin soll im Nachhinein mehr Geld bekommen. Was zunächst einmal nach Einsicht aussieht. Und danach, dass kluge Anwälte dem ZDF davon abrieten, es darauf ankommen zu lassen und auf einen Richterspruch zu warten. Ein Vergleich wird immer auch dann angestrebt, wenn die eigene Argumentation dünn ist. Im Gegenzug soll die Klägerin aber die Redaktion verlassen. Und da wird es halt unangenehm. Stichwort Glaubwürdigkeit.

Was erfahren Heerscharen von Frauen in diesem Land also besonders deutlich? Noch bevor irgendeine höhere Instanz dir vor Gericht Recht oder Unrecht zugesprochen hat, wird das Erste, was ein Mann dir im Kampf für Gleichbehandlung und gegen Lohn-Ungleichheit anbieten wird, deine freiwillige Kündigung sein. Deutschland 2016.

Interessanterweise wird in den Medien über diesen Fall sehr spärlich berichtet. Weil es natürlich nicht nur das ZDF betrifft. Auch die Kulturszene, Theater, kein Arbeitsbereich ist vom Missstand der ungleichen Bezahlung ausgenommen. Aber es hilft ja alles nicht. Wir müssen darüber reden. Das, was die ZDF-Kollegin gerade macht, ist einmalig. Das Gesetz zur Lohngerechtigkeit zwischen den Geschlechtern ist nämlich erst diesen Sommer verabschiedet worden. Es ist also der erste Fall in der deutschen Rechtssprechung, in der eine Frau ihren Arbeitgeber verklagt, weil sie als Frau schlechter bezahlt wird als ein Mann. Der Richter bei der Verhandlung hat übrigens selber zugegeben, dass er das alles nicht so gut verstehe. Und als ein paar Frauen auf der Zuschauertribüne sich empörten, soll er gerufen haben: Ruhe auf den billigen Plätzen. Meine Güte, das ist doch alles schon wieder wie ein Mega-Theaterstück! Lohn-Ungerechtigkeit, ick gloob es hackt! Was macht Alice Schwarzer eigentlich gerade, könnte die nicht für BILD über diesen Fall als Gerichtsreporterin berichten?

Herzlich grüßt

Mely Kiyak