Das Leid lässt kalt

von Mely Kiyak

Einfach untergegangen. Wie die Menschen und ihre Häuser ist auch die Nachricht einfach so untergegangen. Als an diesem Montag bekannt wurde, dass sich in der Nacht zuvor in der Grenzregion zwischen dem Iran und Irak ein sehr schweres Erdbeben ereignete, war das einen Vormittag lang eine Meldung. Bei den Leitmedien handelte es sich noch nicht einmal um die erste Nachricht.

10.000 Menschen sind verletzt, mindestens 500 starben. Die Gebiete, um die es sich handelt, werden von Kurden bewohnt. Die iranische Regierung ließ ihre Opfer im Stich, es kamen weder Ärzte, Decken oder sonstige Hilfe an. Die betroffenen Städte sind vernichtet, es ist ein solches Inferno, dass die Türkei, trotz schlimmster Repressalien gegen die Kurden im eigenen Land, sofort Hilfslieferungen organisierte.

Ich habe eine Weile darüber gegrübelt, warum so ein Ereignis keine Spuren hier bei uns hinterlässt, warum uns die Bilder nicht erreichen. Mit Erreichen meine ich nicht Empfangen sondern mehr im Sinne von erühren, Belasten, Beschäftigen. Weiterlesen „Das Leid lässt kalt“

Hashtag: Ich bin Herwart

von Mely Kiyak

Ich verließ meine Wohnung als Reisende nach Hannover, um die Theaterpremiere „Home.Run“ meines Theaterkolumnistenkollegen Hartmut zu besuchen. Vorweg: Ich reise höchst ungerne. Trotzdem dachte ich: Machste mal eine Ausnahme und schaust, was du Schönes aus dem Schauspiel Hannover kopieren könntest, um es im Gorki nachzumachen.

Ich endete als Hashtag „Sturmopfer Herwart“. Weiterlesen „Hashtag: Ich bin Herwart“

Le Mensch

von Mely Kiyak

Hin und wieder erreicht mich der Vorwurf, dass ich nicht zwischen Rechten und Rechtsextremen unterscheiden würde. Meist geschieht es dann, wenn ich von der AfD als eine rechtsextreme Partei spreche. Nicht, dass es eine Rolle spielen würde, aber ich verrate ein Geheimnis: Gegen Rechte habe ich nichts einzuwenden, außer einen Sack voll politischer Gegenansichten. Weiterlesen „Le Mensch“

Eine Mauer aus Sprachmüll und Politfolklore

von Mely Kiyak

Diese Rede am Tag der Deutschen Einheit von unserem Bundespräsidenten war – falls mich jemand fragt – so ziemlich das Schrillste, was ich in Sachen Resozialisierung von Rassisten seit der Bundestagswahl gehört habe.

Ich mag es kaum zitieren. Muss ich auch nicht. Wurde ja schon hoch- und runtergenudelt. Irgendwer schrieb, dass es sich um Steinmeiers Ruckrede gehandelt hätte. Nach dem Motto, endlich sagt er, was mal gesagt werden musste. Weiterlesen „Eine Mauer aus Sprachmüll und Politfolklore“

Can Dündars Theater Kolumne #6: „Geduld und Vertrauen“

Ich warte am Berliner Hauptbahnhof auf den Zug nach Dortmund.
Der Zug verspätet sich, als wolle er die Legende von der deutschen Pünktlichkeit in Schutt und Asche legen… Unsere Blicke sind auf die Anzeigetafeln gerichtet… Zuerst werden 45 Minuten Verspätung angezeigt; dann eine Stunde… dann zwei Stunden… Hunderte von Menschen drängen sich auf dem Gleis. Doch niemand scheint es eilig zu haben. Alle warten geduldig an Ort und Stelle.
Ich denke mir: „Wenn das in der Türkei passierte, wäre jetzt die Hölle los… Die Fahrgäste hätten sich neugierig oder um sich zu beschweren um die Verantwortlichen geschart, laute Diskussionen wären entbrannt…“ Weiterlesen „Can Dündars Theater Kolumne #6: „Geduld und Vertrauen““

Angela Merkel sitzt im pinkfarbenen Sesselchen und modernisiert Deutschland

von Mely Kiyak

 

So. Nun können wir auch hinter diese Sache einen Haken machen. „Ehe für Alle“ so gut wie durchgesetzt. Ist das nicht famos? Wie schnell es geht, dass eine Kanzlerin ihre Ansicht über ein Thema ändert, bloß weil alle anderen es zur Koalitionsvoraussetzung machen?

Die Republik unter Merkels Führung wird oft innerhalb von Sekunden modern. Es sind jene Momente, in denen die Kanzlerin sich in die Ecke gedrängt fühlt, weil außerhalb ihres Wirkungsbereiches etwas vor sich geht, über das sie die Kontrolle verliert. Das war beim Ausstieg aus der Kernkraft so und bei der Entscheidung die Flüchtlinge aus Ungarn abzufangen. Immer geschah zuvor etwas Unvorhergesehenes. Fukushima oder das rabiate Vorgehen der Ungarn gegenüber den Flüchtlingen oder der Parteibeschluss der Grünen, dass die „Ehe für Alle“ eine Bedingung für eine Zusammenarbeit darstelle, dem die SPD und die FDP folgten. Merkel wittert Umbruch, also macht sie den Weg frei. Ohne vorherige Absprache mit ihrer Partei. Weiterlesen „Angela Merkel sitzt im pinkfarbenen Sesselchen und modernisiert Deutschland“

Mely Kiyak fühlt sich nicht

Dies ist eine Ersatzkolumne. Die von mir und Ihnen geschätzte Gorki-Theater-Kolumnistin Mely Kiyak ist leider verhindert bzw. derzeit nicht in der Lage, diese Kolumne zu verfassen – und so muss ich ran.

Zunächst einmal zur Frage, warum Frau Kiyak nicht selbst schreibt: Selbstverständlich könnte ich einfach den wahren Grund nennen, aber damit würde ich die ganze Angelegenheit banalisieren. Zumal im Berliner Kolumnistenmilieu so wunderbare Spekulationen über ihren Zustand kursieren: Burnout, akute Psychose, Selbstentzündung, Drogen, Suff, eine Zwillingsschwangerschaft nach einer Behandlung mit ukrainischen Billighormonen, beim Ponyreiten im Zoo vom Haflinger gefallen, eine hartnäckige, über Jahrzehnte den Geist degenerierende Geschlechtskrankheit, die jetzt in die finale Phase eingetreten ist, eine Entführung durch ausländische Geheimdienste, Zwangsheirat, eine geschlechtsangleichende, aber im ersten Anlauf misslungene OP… Weiterlesen „Mely Kiyak fühlt sich nicht“