Can Dündars Theater Kolumne #6: „Geduld und Vertrauen“

Ich warte am Berliner Hauptbahnhof auf den Zug nach Dortmund.
Der Zug verspätet sich, als wolle er die Legende von der deutschen Pünktlichkeit in Schutt und Asche legen… Unsere Blicke sind auf die Anzeigetafeln gerichtet… Zuerst werden 45 Minuten Verspätung angezeigt; dann eine Stunde… dann zwei Stunden… Hunderte von Menschen drängen sich auf dem Gleis. Doch niemand scheint es eilig zu haben. Alle warten geduldig an Ort und Stelle.
Ich denke mir: „Wenn das in der Türkei passierte, wäre jetzt die Hölle los… Die Fahrgäste hätten sich neugierig oder um sich zu beschweren um die Verantwortlichen geschart, laute Diskussionen wären entbrannt…“
Da ich auch im Internet keine Informationen bekomme, gehe ich nach zweieinhalbstündigem Warten auf einen Verantwortlichen zu und erkundige mich nach dem Grund der Verspätung und dem Verbleib des Zuges. Er antwortet: „Es gab ein Problem, das behoben wird. Wenn Sie möchten, können Sie das Ticket zurückgeben und den Fahrpreis zurückerstattet bekommen.”
Es sind zwei weitere Personen da, die, wie ich, nachfragen: Der eine ist Grieche, der andere Italiener… Ich frage lächelnd den Griechen: „Ist Ihnen auch aufgefallen, dass außer uns Südländern niemand nachfragt?”
Verwundert stimmt er zu:
„Warum wohl?”
Mir fallen zwei Möglichkeiten ein:
Geduld und Vertrauen…

***

Geduld ist ein kultureller Code, der mich beschäftigt, seit ich in Deutschland angekommen bin… Die Deutschen sind geduldige Menschen… Sie warten in langen Warteschlangen in den Banken oder an Kassen, ohne sich zu beschweren. Während der Autofahrt fahren sie nicht Slalom, um das Auto vor ihnen zu überholen. Auch wenn der Verkehr stockt, fahren sie nicht über die Fahrradwege oder sind nicht so gewieft, einem Feuerwehrwagen, der die Straße freimacht, zu folgen. Sie geben den Fußgängern den Vorrang und wenn ein Taxifahrer sich mit seinem Fahrgast auf einer einspurigen Straße etwas länger beim Bezahlvorgang aufhält, fangen sie nicht an zu hupen, als wären sie ein Krankenwagen, der einen Notfallpatienten ins Krankenhaus fahren muss.
Wie lässt es sich erklären, dass je östlicher man sich von Europa wegbewegt, von Istanbul über Neu-Delhi bis hin zu Peking, das Gehupe immer lauter und unerträglicher wird?
Ist es lediglich die Ungeduld?
Warum können wir in der Schlange in der Bank nicht hinter der roten Linie warten und stoßen stattdessen unseren Ellbogen in die Rippen unseres Vordermannes?
Warum widerstrebt es uns derart, einem Fußgänger den Vorrang zu geben?
Warum bestehen wir darauf, Geschwindigkeitsbeschränkungen zu überschreiten?
Wozu diese Eile?
Können wir sagen, dass es der Osten besonders eilig hat?
Können wir diese Hektik damit erklären, dass „Entwicklungsländer” es so eilig haben, weil sie einiges aufzuholen haben?
Oder ist dies ein kulturelles Handlungsschema?
Es gibt ein sehr konkretes Beispiel, das dies widerlegt:
Die meisten türkischen Autofahrer, die sich in Deutschland penibel an die Regeln halten, erinnern sich, sobald sie in der Türkei sind, ganz plötzlich an das Gaspedal und genießen es, alle Geschwindigkeitsbeschränkungen zu überschreiten. Der gleiche Fahrer im gleichen Auto wird, sobald er die Landesgrenze überschritten hat, zum Rally-Piloten.
Das heißt also, es ist keine Frage der kulturellen Genetik, sondern eine Frage der Regeleinhaltung…
***

Deutschland ist ein Regel-Regime…
Die Türkei ist ein Land, in dem das „Recht des Stärkeren” gilt…
Während Sie im Stau versuchen, auf die  Bosporus-Brücke zu fahren, kann es vorkommen, dass ein Rüpel mit seinem Auto Sie von links bedrängt und sich vordrängelt. Ihm beizubringen, dass dies nicht rechtens ist, kann Sie teuer zu stehen kommen.
Dass es keine Regeln gibt, und dass die unausgesprochene Regel den Stärkeren begünstigt, führt zu Ungerechtigkeit und fördert die Gewalt. Wer sich an Regeln hält, geduldig und zu Opfern bereit ist, bleibt am Ende der Dumme. Er verspätet sich. Er bleibt alleine. Und nach einer Weile fragt er sich, ob er der einzige Dumme ist und reiht sich ein in die Riege der Regelverletzer.
Eine der meistgestellten Fragen in der Türkei ist die feststehende Formulierung „Weißt du, wer ich bin?”. Das bedeutet, dass Sie eine wichtige Person sind oder jemand Wichtigen kennen – und sie wirkt bei jeder Straftat, von Alkohol am Steuer bis hin zur Geschwindigkeitsüberschreitung. Der Polizist weiß, dass er von oben einen Anruf erhalten wird und seinen Job verlieren kann, sollte er ein Bußgeld verhängen. Also zieht er es vor, sich nicht in Schwierigkeiten zu bringen.
Eine der ersten Warnungen, die ich erhalten habe, als ich in Deutschland Auto gefahren bin, war: „Fahr bloß nicht alkoholisiert, du könntest dich nicht mal retten, wenn du Minister wärst.”
Und dies führt uns zum Thema Vertrauen, das hinter der Geduld steckt.
Denn was einen wahnsinnig macht, ist nicht die Wartezeit in der Warteschlange, sondern die Ungerechtigkeit… Wenn alle warten, wenn das Leid geteilt wird, ist es leichter, Geduld aufzubringen. Doch wenn sich jemand vordrängelt, während Sie warten, diese Bevorzugung schürt den Aufstand. Dann wird es schwieriger, Geduld aufzubringen. Wenn die Mechanismen, die die Gerechtigkeit herstellen, nicht existent sind oder nicht funktionieren, sieht jeder selbst zu, wo er bleibt. Und der Konflikt beginnt.

***

Ich muss gestehen, ich bin nicht unbedingt einer, der Regeln mag.
Ich fand Gesellschaften, die in Regeln gefangen sind langweilig.
Nachdem ich aber das Resultat gesehen habe, wie in der Türkei alle Regeln zunichtegemacht wurden und die Regellosigkeit zur Regel gemacht wurde, bin ich regelkonform geworden.
Ich glaube daran, dass Regeln, die auf gegenseitigem Respekt beruhen und die im Konsens aufgestellt wurden, nicht nur die Ordnung, sondern auch die Gerechtigkeit gewährleisten.
Wenn ich nochmal zum Anfang zurückkehre; die Deutschen, die am Bahnhof warten, warten geduldig im Vertrauen darauf, dass die Verspätung einen rationalen Grund haben wird, und dass die Verantwortlichen sich darum kümmern werden.
Wenn Sie dieses Vertrauen nicht haben, wenn Sie annehmen, dass die Verspätung aus einem absolut irrationalen Grund herrührt, wenn Sie denken, dass sich keiner darum kümmert, ist es unumgänglich, dass Sie ungeduldig werden und einen Verantwortlichen suchen, bei dem Sie sich beschweren können.
Wenn Sie daran glauben, dass die Stärksten Sie umrempeln und Sie zurückbleiben, wenn der Zug kommt, dann müssen Sie entweder stärker werden oder sich an einen Starken anlehnen.
Eine Ungerechtigkeit, die entstanden ist aus Regeln, die nur dem Stärkeren dienen, führen Gesellschaften entweder zum Aufstand oder dazu, dass man Zuflucht sucht bei der stärksten Autorität…
Die Türkei ist gegenwärtig irgendwo dazwischen…

 

Serkan Altuniğne ist einer der bekanntesten Karikaturisten und Drehbuchautoren in der Türkei und zeichnet seit 2002 Karikaturen für das wöchentlich erscheinende Istanbuler Satiremagazin „Penguen“.

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