Ruhe auf den billigen Plätzen! Lohn-Ungerechtigkeit, ick gloob es hackt!

von Mely Kiyak

Wir Kulturleute haben durch unseren Beruf ja oft Kontakt mit »Funk und Fernsehen« . Wann immer man dort zu tun hat, fällt auf, dass ein Fernsehformat aus einer Armee von Fleißbienchen besteht, die in allerhand unterschiedlichen Beschäftigungsverhältnissen stecken.

Da gibt es Familienmütter und Familienväter, die seit Jahren fest in einer Sendung eingesetzt und trotzdem wie Studentenaushilfskräfte behandelt werden. Oder die Heerschar von freien Mitarbeitern, die aufgrund ihrer Erfahrung für die gleiche Arbeit in der gleichen Sendung immer wieder eingesetzt, aber nicht fest angestellt sind. Es gibt Kollegen, die haben einen Schreibtisch und eine Telefonnummer, unter der man sie erreichen kann, aber sie sind nicht festes Mitglied der Redaktion, obwohl diese Form der Scheinselbständigkeit verboten ist.

Im Laufe der Zeit gewöhnt man sich daran, dass in den Medien arbeitende Kollegen von ihrer Arbeit nicht gut leben können, dass unbezahlte Überstunden dazu gehören, dass sie in unsicheren Verhältnissen geparkt werden. In der öffentlichen Darstellung  sind sie Teil eines anspruchsvollen Tätigkeitsgebietes, einer journalistischen Elite und gleichzeitig sind sie prekär beschäftigt. Selten hört man diese Kollegen klagen. Weil sie genug Leute kennen, die vergeblich Jahre damit verbringen, in den Medien überhaupt Fuß zu fassen, ganz gleich unter welchen Bedingungen. Also will man nicht jammern.

Letzte Woche ist folgender Fall bekannt geworden. Die Redaktionskollegin Birte Meier, die für das ZDF arbeitet, erfährt, dass sie jahrelang für die gleiche Arbeit sehr viel schlechter bezahlt worden ist als ihr männlicher Kollege. Der steckt es ihr bei seiner Pensionierung. Der Lohnunterschied ist immens. Er soll Netto mehr bekommen haben, als sie Brutto erhielt. So berichtet es eine Prozessbeobachterin der Berliner Zeitung. Ja richtig, Prozess. Das ZDF zog es vor, sich von der Redakteurin lieber verklagen zu lassen, als sich mit ihr zu einigen. Dem Rechtsstreit ging, so wird berichtet, ein jahrelanger Versuch der Kollegin voraus sich außergerichtlich zu einigen.

Das Bemerkenswerte an diesem Fall ist, dass es sich um die Sendung Frontal 21 handelt. Das Fernsehformat hat sich laut Selbstbeschreibung zum Ziel gesetzt auf gesellschaftliche und politische Missstände aufmerksam zu machen. Wörtlich heißt es:

Seit seiner Gründung 2001 beschäftigt sich Frontal21 vor allem mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit, der Lage auf dem Arbeitsmarkt und den überfälligen Reformen im Gesundheits-, Renten- und Bildungssystem.

Wenn man das liest, denkt man, dass ein Sender schon aus Gründen der Unangreifbarkeit ein Interesse daran hat, bei Fragen der sozialen Gerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt sich nicht selbst vor Gericht wiederzufinden. Beschädigt ein solches Verfahren doch alles, wofür man in der Außenwirkung geschätzt und ausgezeichnet wurde. Birte Meier hat zu diesem Prestigegewinn übrigens maßgeblich beigetragen. Ihr letzter, großer Coup war, gemeinsam mit einem Kollegen die »Rent a Sozi« -Story rund um das Thema Parteisponsoring aufgedeckt und in Frontal 21 veröffentlicht zu haben.

Das ZDF entschied sich für einen anderen Weg. Den des Vergleiches. Die Redakteurin soll im Nachhinein mehr Geld bekommen. Was zunächst einmal nach Einsicht aussieht. Und danach, dass kluge Anwälte dem ZDF davon abrieten, es darauf ankommen zu lassen und auf einen Richterspruch zu warten. Ein Vergleich wird immer auch dann angestrebt, wenn die eigene Argumentation dünn ist. Im Gegenzug soll die Klägerin aber die Redaktion verlassen. Und da wird es halt unangenehm. Stichwort Glaubwürdigkeit.

Was erfahren Heerscharen von Frauen in diesem Land also besonders deutlich? Noch bevor irgendeine höhere Instanz dir vor Gericht Recht oder Unrecht zugesprochen hat, wird das Erste, was ein Mann dir im Kampf für Gleichbehandlung und gegen Lohn-Ungleichheit anbieten wird, deine freiwillige Kündigung sein. Deutschland 2016.

Interessanterweise wird in den Medien über diesen Fall sehr spärlich berichtet. Weil es natürlich nicht nur das ZDF betrifft. Auch die Kulturszene, Theater, kein Arbeitsbereich ist vom Missstand der ungleichen Bezahlung ausgenommen. Aber es hilft ja alles nicht. Wir müssen darüber reden. Das, was die ZDF-Kollegin gerade macht, ist einmalig. Das Gesetz zur Lohngerechtigkeit zwischen den Geschlechtern ist nämlich erst diesen Sommer verabschiedet worden. Es ist also der erste Fall in der deutschen Rechtssprechung, in der eine Frau ihren Arbeitgeber verklagt, weil sie als Frau schlechter bezahlt wird als ein Mann. Der Richter bei der Verhandlung hat übrigens selber zugegeben, dass er das alles nicht so gut verstehe. Und als ein paar Frauen auf der Zuschauertribüne sich empörten, soll er gerufen haben: Ruhe auf den billigen Plätzen. Meine Güte, das ist doch alles schon wieder wie ein Mega-Theaterstück! Lohn-Ungerechtigkeit, ick gloob es hackt! Was macht Alice Schwarzer eigentlich gerade, könnte die nicht für BILD über diesen Fall als Gerichtsreporterin berichten?

Herzlich grüßt

Mely Kiyak

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