Deutsche extrem weniger rechts als andere aber zunehmend extremer rechts

von Mely Kiyak

 

Drei Studien erreichten uns diese Woche:

Ein in London gegründetes Meinungsforschungsinstitut namens YouGov verglich 12 europäische Länder miteinander und kam zu dem Ergebnis, dass Deutschlands Zustimmungsrate zu populistischen Thesen am niedrigsten sei. Die Zeitungen titelten:
»Deutsche am wenigstens rechts«

Die Friedrich-Ebert-Stiftung beauftragte den Bielefelder Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer die Deutschen und ihre Einstellung zu »gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit« zu untersuchen. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass die Mitte der Gesellschaft sich in zwei Lager polarisiere. In einen größeren Teil, der Flüchtlinge und Einwanderung befürwortet und einen kleineren Teil, der sich radikalisiert, Gewalt gegenüber Minderheiten befürwortet und meint, dass die Weißen zu Recht die Welt führen würden. Ein Fünftel aller Befragten, also aus beiden Gruppen, äußerte Ressentiments gegenüber Muslimen. Die Zeitungen titelten:
»Der Riss in der Mitte«

Die dritte Studie entstand im Auftrag der Sächsischen Staatsregierung und heißt „Sachsen Monitor«. Daraus geht hervor, dass sich die Mehrheit der Sachsen in gefährlichem Maß überfremdet fühle. In der Gruppe der 18-29jährigen ist man dem Nationalsozialismus gegenüber unkritisch eingestellt.
Die ostdeutschen Medien titelten:
„Sachsen ist demokratieskeptisch«
Der Deutschlandfunk titelte:
„Sachsen hat ein Rassismus-Problem«

Wer möchte, kann also guten Gewissens sagen: Deutschland ist stark und verteidigt seine Demokratie und die Menschenrechte. Wer mag, kann aber auch sagen,
Deutschland wird radikaler, menschenfeindlicher und gewaltbereiter.

Für beide Auffassungen gibt es Belege und beides ist richtig. Wahr ist auch, dass sich eine kleinere Gruppe gegenüber einer größeren Gruppe behaupten und die Gesellschaft damit ins rechtsextreme Spektrum kippen kann. Die Trump-Wahl ist dafür ein Beispiel. Obwohl mehr Amerikaner gegen ihn stimmten wird er doch Präsident. Das hat mit dem Wahlsystem zu tun. Der Brexit hat es ebenso gezeigt. Obwohl die Mehrheit der Briten dagegen war, hat sich die Minderheit durchgesetzt, weil sie mehr Menschen mobilisieren konnte, an der Abstimmung teilzunehmen. Obwohl die Mehrheit der Deutschen die Aufnahme von Flüchtlingen befürwortet, steigt die Zahl der Abschiebungen und die Zustimmung für die AfD wächst.

Wir begreifen, dass Minderheiten Politik bestimmen können, auch wenn sie gar nicht an der Macht sind.

Wie schafft man es nun, sich die Themen nicht mehr von einer rechtsradikalen Minderheit diktieren zu lassen? Es gibt viele Wege den öffentlichen Diskurs umzugestalten.

Man kann Facebook keine Regeln diktieren. Merken die Konsumenten ja selber. Aber sie vergessen: Es ist ein Unternehmen, das ein Produkt anbietet. Man kann sich gegen das Produkt entscheiden. Und die Rechtsradikalen, Wütenden und Hassenden sich selbst überlassen.

Man kann Gewalttäter aus der Mitte der Gesellschaft sauber in Studien ablegen und zur Kenntnis nehmen. Man kann sich aber auch entscheiden, jeden einzelnen Täter und rassistischen Kommentator ins Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit zu ziehen. Jede Zeitung könnte täglich eine Seite für diese Fälle reservieren und sie kommentarlos veröffentlichen. Auch als Nichtjournalist ist es möglich, Hass öffentlich zu machen. An der Pinnwand des Supermarktes. Hängen Sie den Text auf und schreiben Sie den Absender dazu. Kommentieren Sie das Ganze mit einem Filzstift!

Sobald ein Politiker den Präsidenten eines anderen Landes wie beispielsweise Putin oder Erdoğan für seine Politik kritisiert, könnte ihm eine Gruppe Bürger entgegenschmettern: »Einverstanden. Nehmen wir jetzt endlich alle Kriegsflüchtlinge aus Syrien auf! Oder reicht es Ihnen, einfach nur empört zu sein?«

Gesellschaft bedeutet in Beziehung zueinander zu leben. Die Vorstellung, dass immer das Gegenüber etwas verändern muss, damit man selbst zufriedener wird, ist ein sehr hilfloser Gedanke.

Mich nerven jene Leute, die vieles für inakzeptabel halten, aber keine Konsequenz daraus für ihr eigenes Handeln ziehen. Die einen immer am Blusenzipfel anfassen und sagen: „Ist das nicht schlimm und müsste man nicht verbieten?« Würde man zurück fragen: „Wo genau sorgst du für ein Gegengewicht?«, wird es halt dünn. Einfach nur privat eine Meinung haben, führt zu keiner Veränderung.

Es ist wie mit den Studien. Erkenntnis erlangt. Und nun?

Herzlich grüßt aus dem Meinungsforschungsinstitut Gorkitheater
Ihre Mely Kiyak