Umgang mit der AfD: Neue Willkommenskultur

Eine Kolumne von Jakob Augstein

 

Da sage noch einer, die Deutschen könnten keine Integration. Die AfD ist kaum in den Parlamenten angekommen, schon will mancher ihr die Hand reichen, und am Horizont taucht das Wort Koalition auf. Wir erleben da eine ganz neue Form der Willkommenskultur. Denn ebenso wie die Migranten ist ja auch die AfD da, um zu bleiben. Anders als bei den Migranten sind aber bei der AfD Zweifel erlaubt, ob sie sich in das politische System der Bundesrepublik Deutschland überhaupt einfügen sollte.

„Eine Partei, die in Baden-Württemberg 15 und in Sachsen-Anhalt 24 Prozent holt, ist auch eine Partei der Mitte, so schmerzlich diese Erkenntnis sein mag.“ Der SPIEGEL schreibt das in seiner neuen Ausgabe. Und auf die Frage, wie wir mit der „Bis-zu-24-Prozent-AfD“ jetzt umgehen sollen, gibt er eine überraschende Antwort: „Erst einmal: herzlich willkommen.“

Das geht ja schnell. Mit der Linkspartei hat sich die deutsche Öffentlichkeit lange Zeit deutlich schwerer getan. Aber die will ja auch den Banken ans Leder – und nicht bloß den Ausländern. Frauke Petry sagt: „Wir gehören zur bürgerlichen Klientel.“ Na also, Entwarnung: An den Besitzverhältnissen will die AfD nichts Grundlegendes ändern. Und das Erschrecken, dass so viele Menschen eine rassistische Partei gewählt haben, ist offenbar nicht so groß.

In der CDU gab es schon vor zwei Jahren erste Stimmen, die eine Koalition mit der AfD nicht ausschließen wollten. Nach dem grandiosen Wahlerfolg der Rechten hielt CDU-Generalsekretär Peter Tauber nun die Klarstellung für notwendig: „Wenn man sich die Inhalte anguckt, kann es keine Zusammenarbeit zwischen Union und AfD geben.“

Mal abwarten, wie das nach den nächsten Wahlen aussieht. Die „FAZ“, publizistisches Integrationszentrum für rechte Rüben, fragt schon mal: „Aber warum werden Koalitionen mit der AfD eigentlich kategorisch ausgeschlossen?“ und spricht vom „Pegida-Bürgertum“. Das klingt doch schon ganz anders als Hetzer, Schläger und Brandstifter.

Rückabwicklung des gesellschaftspolitischen Fortschritts

Die AfD hat sich eine gesellschaftspolitische Konterrevolution auf die Fahnen geschrieben. Der AfD-Landesvorsitzende in Bayern, Petr Bystron, sagte nach der Wahl: „Gestern ist ein Paradigmenwechsel eingetreten, es ist das Ende der Herrschaft der Altachtundsechziger in Deutschland. Das werden die Leute erst noch begreifen.“ Und André Poggenburg, AfD-Kandidat aus Sachsen-Anhalt, kündigte an: „Wir müssen die Achtundsechziger rückabwickeln, bis wir wieder einen Normalzustand erreicht haben.“

Man darf gespannt sein, was die AfD für den deutschen Normalzustand hält. Wenn die Reise in die Vergangenheit führt, wo machen wir dann Halt? Vielleicht vor dem Jahr 1997, als Vergewaltigung in der Ehe noch nicht strafbar war.

Oder vor 1994, als der Schwulenparagraph 175 fiel, der auch in seiner letzten Version noch sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, wenn einer der Partner noch nicht 18 Jahre alt war.

Oder gehen wir gar bis Anfang 1977 zurück, als eine Frau in Westdeutschland nur dann erwerbstätig sein durfte, „soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist“?

Es geht der AfD um eine Rückabwicklung des gesellschaftspolitischen Fortschritts der vergangenen Jahrzehnte. Das ist übrigens ein hübsches Zusammentreffen: Denn genau das, den Antimodernismus, werfen die rechten Islamgegner ja den Muslimen vor.

Massenidiotie

Manche Kommentatoren haben es der AfD angerechnet, dass sie Leute zur Wahl bewegt hat, die der Demokratie schon den Rücken gekehrt hatten. Beinahe 400.000 Nichtwähler hat die AfD mobilisiert. Toll. 400.000 Leute, die ihre Stimme früher gar nicht abgegeben haben, und jetzt einer rassistischen Partei. Wo liegt der Fortschritt für die Demokratie?

Überhaupt, die Demokratie. Darf man die Demokratie infrage stellen? Der französische Philosoph Alain Badiou hat gesagt, dass er die allgemeine Wahl als solche überhaupt nicht respektiere – sondern dass dies vom Ergebnis abhängig ist: „Die allgemeine Wahl wäre das Einzige, was unabhängig davon, was es produziert, zu achten wäre.“ Wir wissen inzwischen, was die Demokratie alles produzieren kann. In Polen und Ungarn haben wir es gesehen. Jetzt kommen die Deutschen.

Niemand würde bestreiten, dass der einzelne Wähler ein Idiot sein kann. Aber es können auch alle Wähler zusammen idiotische Entscheidungen treffen. Fehler werden auch in der Summe nicht zu Wahrheit. Und Unsinn wird auch gehäuft nicht zu Vernunft. Im Gegenteil: Gefährlicher Unsinn wird in der Masse nur noch gefährlicher. Also, warum keine Koalitionen? Weil Rassisten nicht in die Regierung gehören.

2 Kommentare zu „Umgang mit der AfD: Neue Willkommenskultur

  1. Ich bin ja nicht immer ein Fan von dem, was Augstein so im Einzelnen sagt, obwohl wir politisch grundsätzlich auf einer Linie liegen. In dem Fall ist ihm aber eine herrliche Polemik gelungen. Danke fürs Teilen. 🙂

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s