Sie wollen keine Lager. Sie wollen ein Leben.

Kolumne von Mely Kiyak

Idomeni. Bilder aus der Hölle. Es fällt schwer die fliehenden Menschen zu sehen, die in Griechenland gelandet sind und sich dabei vom warmen Sofa aus Gedanken zu machen. Es verbietet sich jeglicher Kommentar. Wir haben uns bis zur Erschöpfung kommentiert. Zu Tode kommentiert.

Ist es das wert? Ist der unbedingte Schutz der europäischen Bevölkerung vor Flüchtlingen so viel wert, dass wir uns das gestatten? Seit Tagen diese Bilder zu sehen, wie Menschen in Idomeni über einen rauschenden, kalten Fluss ihre Kinder tragen, um nach Mazedonien zu gelangen? Wir schützen uns also vor diesen Leuten? Wir schauen zu.

Was will man sagen?
Was kann man sagen?
Und überhaupt. Alle diese Worte. Diese vielen Worte.

71 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges sprechen wir in einer Art über Flüchtlinge und Politik mit einer dem Menschen und seinem Schicksal abgewandter Sprache. Man hat uns Schutzschirme voller Vokabeln gebaut, die uns davor bewahren sollen, zu begreifen, was vor sich geht. Grenzen schützen, Hotspots errichten, Kontingente schaffen, Asylpaket Eins und Zwei, Plan A 2, Dublin-Verordnung und so weiter.

Derweil gehen die Menschen durch das Wasser und werden auf der mazedonischen Seite von rabiaten Soldaten festgehalten und ohne mit der Wimper zu zucken wieder zurück nach Griechenland gebracht. Der griechische Ministerpräsident bittet die Flüchtlinge, Idomeni zu verlassen und stattdessen in für sie vorgesehene Lager zu gehen. Dort würden sie versorgt werden. Die Flüchtlinge aber haben Angst. Sie haben Angst, dass sie aus diesen Lagern in andere Lager in die Türkei gebracht werden. Ihre Angst ist begründet. Denn sie wollen keine Lager. Sie wollen ein Leben.

Wo ist die internationale Hilfsorganisationsstruktur? Wieso gibt es keine medizinische Hilfe, keine Nahrung? Wieso schickt unsere Bundesregierung nicht sofort Hilfe direkt nach Idomeni? Man kann erwachsene Menschen im Jahre 2016 nicht zwingen in ein Lager umzuziehen. Die Menschen sind nicht dumm, sie sind alphabetisiert. Sie wissen, dass ein Lager unter Umständen bedeutet, aus diesen Verhältnissen nie wieder herauszukommen. In einem Lager ist man schutz- und chancenlos. Ein Lager hat keine Infrastruktur. Man kann sich nicht Arbeit suchen. Man kann seinem Kind nichts ermöglichen, weil man immer darauf angewiesen ist, Empfänger zu sein. Man ist in einem Lager nicht der Architekt seines Lebens. Ich kann die Menschen in Idomeni verstehen. Sie vertrauen niemandem und deshalb überqueren sie den Fluss immer und immer wieder. Weil sie daran glauben, dass sie es als Individuum doch schaffen, in ein europäisches Land zu gelangen, das sie als Asylsuchender aufnimmt und dass sie nicht als Flüchtling im Lager landen. Wenn Menschen verzweifeln, dann orientieren sie sich nicht an Verboten, sondern an Schlupflöchern in die Freiheit. Wer sich einmal an den Anblick seines barfüßigen Kindes im Schlamm gewöhnt, wer einmal die Schwelle zur Erniedrigung erlebt hat, der macht nicht mehr Halt. Der geht und flieht und hofft weiter.

Aber wir müssen uns fragen, können wir über diese Bilder hinwegsehen und weitermachen? Können wir aufrechte europäische Bürger sein, während sprichwörtlich vor unseren Toren Menschen verelenden? Menschen, die genau wie wir, den Unterschied zwischen einem lebenswerten Dasein und einem nicht lebenswerten Dasein kennen. Wiegt unsere Sorge um einen funktionierenden Rechts- und Sozialstaat so schwer, dass wir meinen, ihn ausgerechnet vor den Flüchtlingen schützen zu müssen? Kennen wir kein anderes Konzept? Ist es in einer modernen Welt wirklich nicht möglich, dieses Elend wie direkt aus dem Mittelalter mit aller Kraft zu verhindern? Wenigstens so lange, wie in Syrien Ausnahmezustand herrscht?

Aber, ich verliere schon wieder viel zu viele Worte. So will ich nicht an mein Herz appellieren. Sondern an meinen Verstand. Grenzen schließen ist keine Politik, sondern eine Maßnahme. Eine, die nicht funktioniert. Wir sehen es. Jeden Tag sehen wir, dass es nicht funktioniert. Ich wünschte, wir hätten – so wie die Rechten es schaffen, mächtige Allianzen der Feindseligkeit zu arrangieren – als europäische Bürger die Kraft, Allianzen der Brüderlichkeit und Verbundenheit zu den Flüchtlingen zu schmieden. Aber es gelingt uns nicht. Und so bleibt nur, zuzusehen, wie gebrochen, entmutigt und beschädigt zurück bleibt, worauf ich einst so stolz schaute: Europa.

Mely Kiyak

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